Wieso kommt ein „Stern“-Chefredakteur erst 2022 auf die Idee, die bisherige Bewertung des „Stern“-Gründers Nannen infrage zu stellen? Hätte ein sorgfältiger und angstloser Journalist schon zu Nannens Lebzeiten diese Anklage führen können? Na ja, wer früher in Gruner+Jahr Kreisen gearbeitet hat, weiß, dass Henri Nannen noch viel unantastbarer war als der „Stern“, „Brigitte“ und „Geo“ zusammen. Er personifizierte das Allerheiligste im selbstdefinierten Kreis von Qualitätsjournalisten. Dazu gehörten das G+J Portfolio, der „Spiegel“, „Die Zeit“, „SZ“, „FAZ“ und ab und an fielen auch ein paar Nannen-Preis-Krümel an Exoten wie den „Mannheimer Morgen“ ab oder an erfolgreiche Parvenüs wie „Focus“. Diese Elite schloss selbstredend aus, dass da irgendwas faul sein dürfte.

Aber spätestens 2014, als Preisträger Jacob Appelbaum seine Preisskulptur einschmelzen ließ– und zwar nicht aus Geldnot, sondern weil er Nannen der Nazi-Propaganda verdächtigte – hätte man ja schon mal nachhaken können. Im Sinne von ernsthaft und gründlich recherchieren, so wie das früher Usus war unter Journalisten, die die Henri Nannen-Schule absolviert hatten. Anwesend war bei der Preisverleihung 2014 unter anderem Olaf Scholz. Das Statement des „Stern“ zu Appelbaums Äußerungen brachte der damalige Chefredakteur Thomas Osterkorn zum Ausdruck mit den Worten: „Er (Henri Nannen) hat daraus auch keinen Hehl gemacht und später mehrfach bedauert, was er damals an Propagandazeug geschrieben hatte.“ Aus die Maus. Der „Stern“, der den Nannen-Preis für sich und seine Freunde erfunden hatte, schlägt sich doch nicht selber k.o.. Aber der Preis war angezählt.

Im Jahr darauf, 2015, wurde der Nannen-Preis nicht vergeben: Sparmaßnahmen und Stellenstreichungen sollen Gründe dafür gewesen sein. Damit kommen wir reflexartig zur nächsten Frage: Warum wurde der Preis 2016 und in den folgenden Jahren erneut vergeben? Die Zeiten und Budgets waren ja nicht besser geworden für den Stern und Gruner+Jahr…

So nähern wir uns möglicherweise dem wahren Motiv des aktuellen Nannen-Verrisses: Die Demontage des Gründers soll dem Nannen-Preis (und den damit verbundenen Kosten) womöglich endgültig den Garaus machen. Wenn alles gut läuft, könnte der Skandal ein letzter Sargnagel für den ohnehin schon angeschlagenen Preis sein. Das dazugehörige Verlagshaus, ehemals Europas größtes, ist bereits diffundiert ins Reich von CEO Thomas Rabe. Auch deswegen, weil Journalismus an Relevanz und Vertrauenswürdigkeit verloren hat. Wozu dann noch einen Nannen-Preis?

Der Digitalstratege und Ex-Verlagsfachmann Thomas Bily schreibt regelmäßig für Clap. Mehr über ihn erfahren Sie auf seiner Webseite digital-age.marketing

Foto: Alexander von Spreti