Zwei Interviews standen in den letzten Tagen im Kreuzfeuer der öffentlichen Diskussion. ZDF-Sportreporter Nils Kaben (links im Bild) sorgte für Zündstoff, als sich Toni Kroos nach dem gewonnenen Champions League-Finale nach einer kritischen Frage einfach abwendete. Und in dieser Woche war es das Gespräch von „Spiegel“-Autor Alexander Osang mit Angela Merkel, welches für reichlich Gesprächsstoff sorgte.

Beide Interviewer gerieten in die Kritik, allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. Vereinfacht gesagt: Der eine fragte angeblich zu hart, der andere zu sanft. ZDF-Fieldreporter Kaben allerdings musste deutlich mehr einstecken. Vor allem im Social Media-Bereich, ein lauter Ruf nach mehr Empathie durchströmte die weite Welt der Netzwerke. 

Dagegegen kamen bei Osangs Interview die kritischsten Stimmen aus dem Ausland. Der Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“, Marc Felix Serrao, mockierte sich über einen schrecklich schönen Wohlfühlabend. Und ärgerte sich über den Satz: „Meine Kanzlerin wird sie sowieso immer bleiben“, den Osang gleich am Anfang des Gesprächs sagte.

Der ist tatsächlich irritierend, vor allem, wenn er aus dem Mund eines so anerkannten Journalisten wie Osang kommt. Unter professioneller Distanz ist sicherlich etwas anderes zu verstehen. Man stelle sich einmal vor, Mathias Döpfner hätte beispielsweise etwas ähnliches wie „… mein CEO werden Sie immer bleiben“ letztens zu Beginn des Gesprächs mit Elon Musk gesagt. Da wäre der Aufschrei sicherlich groß gewesen.

Die fragerische Kompetenz muss man ja eigentlich bei Osang nicht in Zweifel ziehen. Er hat oft genug bewiesen, dass er das kann. Vielleicht kann man ihm seine fehlende TV-Erfahrung zugute halten, über die er bei seiner alten Liebe, der „Berliner Zeitung“, sinnierte. Das Kommunikationsteam von Angela Merkel dürfte indes mit der Wahl dieses Interviewers jedoch nicht unglücklich gewesen sein. Angeblich hat der Aufbau Verlag, für den er Bücher schreibt, ihn für dieses Interview ausgesucht. 

Was hat das mit ZDF-Sportreporter Nils Kaben zu tun? Viel, denn es macht einfach einen großen Unterschied, ob ein Reporter mit seinen Fragen etwas wagt und ins Risiko geht. Oder eben auf Nummer sicher geht. Kaben, wie Osang gebürtiger Ostdeutscher, ließ sich von etwaiger Bewunderung gegenüber dem Fußballstar nichts anmerken. Gar nicht mal so selbstverständlich. Und Kroos hatte keine Lust auf Kabens kritische Fragen zu antworten. So what.

Das eigentliche Ärgernis ist: Es gibt viel zu viele Interviews in TV, Hörfunk und Print, die Distanz und Fragenkompetenz vermissen lassen. Und nur scheinbar dem Interviewten etwas entlocken wollen. Wohlfühlabende braucht es nicht, wenn es keine PR-Veranstaltung ist. Es müsste im Interesse des Journalismus sein, dass Interviews nicht vollends zur reinen Inszenierung verkommen. Also – mehr Kaben wagen!

Kommentar: dh

Fotos: Felix Rettberg für Aufbau Verlag, ZDF/Claudius Pflug