„Langfristig bleiben als unentbehrliche Gäste im Wohnzimmer sicherlich nur die Programme gerne gesehen, die beides können: Emotional begeistern, ohne beim Preis zu entgeistern.“- Mit dieser Behauptung habe ich im Februar an gleicher Stelle meinen letzten Beitrag geschlossen. Man mag es Ironie der Zeit nennen, dass sich dieser Satz in den letzten Monaten nun noch weiter bewahrheitet hat. Preisexplosionen in allen Lebensbereichen, vor allem die gestiegenen Kosten für Energie und Lebensmittel lassen viele Haushalte derzeit einen Kassensturz machen. Welche Ausgaben sind unabdingbar? Wo lassen sich wertvolle Euro einsparen? Zuerst kommt bekanntlich die Pflicht, erst dann das Vergnügen und so überdenken immer zahlreichere User beim Zappen durch die Streaming-Angebote, welches Abonnement für sie, vor allem jetzt, da die Pandemie auch wieder mehr Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände zulässt, doch vielleicht verzichtbar ist? Für die Streaming-Anbieter heißt dies im Umkehrschluss, die Treue seiner Zuschauenden nicht unnötig auf die Probe zu stellen und ihnen attraktive Anreize zu schaffen, um nicht dem ein oder anderen Sparzwang zum Opfer zu fallen.

Es stehen sich also zwei wesentliche Aspekte gegenüber: Wo bekommt der User das meiste an Programmvielfalt für eine noch möglichst schmerzfreie Summe zu sehen? Bei welchem Anbieter finden Haushalte mit mehr als einem Bewohner die größte Schnittmenge für ihre Sehgewohnheiten? Wo ist das Gefühl, den neusten Serienkracher oder den gehypten Blockbuster zu verpassen am geringsten? Die Anbieter wiederum müssen sich fragen, wie sie die Quantität ihrer Nutzerzahlen halten – und entgegen dem ein oder anderen Trend – weiter ausbauen können. Das angekündigte Einschränken der Zugänge pro Account ist in finanziell herausfordernden Zeiten sicherlich nicht die richtige Antwort, eröffnet das gemeinsame Nutzen des Accounts doch ein übergreifendes Erreichen mehrerer Generationen. In wie vielen Familien entdeckten nicht plötzlich auch Oma und Opa das Binge-Watching für sich und wurden zu leidenschaftlichen Serienjunkies? Sicherlich auch deshalb, weil sie in das Refinanzierungsmodell der Kinder und Enkelkinder aufgenommen wurden. Von den ohnehin nicht-linearen Sehgewohnheiten des Nachwuchses ganz zu schweigen.

Finger weg von den bestehenden Rahmenbedingungen, von steigenden Kosten und der Beschränkung von Zugängen mag man in das Ohr der Anbieter lautstark flüstern. In der Hoffnung, dass die Befindlichkeiten der Zuschauenden ernst genommen werden. Die Lösung aller Unwegsamkeit mag wieder einmal „Content first“ zu sein. Und dieser kleine Satz scheint Gehör zu finden. Konzentrierten sich Netflix, Amazon Prime und Co. zu Beginn auf Serien und Filme, nehmen mittlerweile immer mehr Eigenproduktionen aus dem klassischen Show-Bereich Raum ein und auch internationale Sport-Events sind immer häufiger im Programm. Netflix soll beispielsweise aktuell in den Kampf um Motorsportrechte einsteigen. Mit der erstmaligen Übertragung von „Rock am Ring“ am zurückliegenden Pfingstwochenende erweiterte RTL+ wiederum sein Entertainment-Angebot um ein gigantisches Live-Event und verkündete, allein mit den unmittelbaren Live-Abrufen mehr als vier Millionen Stream-Starts generiert zu haben.

Der Weg scheint also klar: Serien, Filme, Shows, Entertainment, Sport und Musik als Live-Events – Die Streaming-Anbieter werden immer mehr zu einem Vollprogramm. Zu Gunsten der User, die für ihr Geld auch auf ihre umfassenden Kosten jeglicher Seh-Vorlieben kommen können. Und während allerorts Sparzwang herrscht, eröffnet die Ausweitung auf Shows und Live-Event auch für Produzenten und Dienstleister neue Budgets. Ein Gewinn für alle also? Des einen Licht ist so manches Mal des anderen Schatten. Denn wieder einmal muss man sich die Frage stellen, wie die klassischen, linearen TV-Sender auf diese Konkurrenz reagieren? Wenn Streaming sich immer mehr zum zumindest inhaltlichen rund-um-glücklich-Paket entwickelt. Noch ist das Genre News unangetastet, doch auch das mag in Zukunft ein Projekt der Streaming-Anbieter sein? Die Frage „Quo vadis Streaming?“ geht also Hand in Hand mit der Zukunft der gesamten TV-Branche – und die Entwicklung dieser Antwort mag tatsächlich spannender sein als so mancher aufwändig inszenierter, fiktionaler Content.

Stefan Hoff ist Geschäftsführer des technischen Dienstleisters EMG Germany und Vorstandsvorsitzender des TV-Verbands VTFF. Er schreibt regelmäßig für Clap.

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