Von der Leichtathletik-WM in Eugene haben viele Sportfreunde wegen der großen Zeitverschiebung kaum Notiz  genommen. Ohnehin haben allerdings die Wettbewerbe auf der Tartanbahn in den letzten Jahren deutlich an Popularität verloren. Aber nun ist ja schon die Leichtathletik-Europameisterschaft in München mit großer Medienunterstützung in vollem Gange. Kann diese einen kleinen Umschwung herbeizaubern? Wir sprachen darüber mit dem ehemaligen Leichtathleten und heutigen Mediziner Thomas Wessinghage nach einer Pressekonferenz der Verlagsgruppe Rentrop. Der 70-Jährige hält bis heute zwei deutsche Rekorde, einen über 1.500 Meter und einen über 5.000 Meter.

Glauben Sie, dass diese Wettkämpfe ein überraschender Erfolg werden können? Anders als bei der WM können ja hier auch wieder mehr deutsche Athleten unter den Besten mitmischen und Medaillen gewinnen.

Wessinghage: Ihrer Frage kann ich nicht entnehmen, was genau Sie unter einem Erfolg der EM verstehen und warum ein solcher Erfolg überraschend sein sollte. Den Erfolg der Titelkämpfe würde ich zum Beispiel mit reibungsloser Organisation, ansprechender Choreographie, gutem Publikumsinteresse verbinden. Der Erfolg der deutschen Athleten ist natürlich auch wichtig, aber aus meiner Sicht keineswegs das Hauptargument, wenn es um die rückblickende Bewertung der Veranstaltung gehen wird.

Vor kurzem beklagten Sie dennoch in einem Pressegespräch das nachlassende Interesse der Öffentlichkeit und vor allem der jungen Leute für die Sportarten auf der Tartanbahn. Das sei ein „Spiegelbild der heutigen Gesellschaft“. Früher gab es sogar mal Leichtathletik-Länderwettkämpfe, die im Fernsehen live übertragen wurden. Sollten solche oder andere spannende Ideen vermehrt umgesetzt werden, um das Interesse der Kids zu wecken?

Wessinghage: Mit meiner Äußerung wollte ich darauf hinweisen, dass sich die Konsumgewohnheiten der Menschen ändern. Und dass sich Sportarten diesen Gewohnheiten anpassen müssen, wenn Sie nicht ins Hintertreffen geraten wollen. Ob die Länderkämpfe der Sechziger Jahre für die „Kids“ von heute interessant sein könnten, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls das Format des Europa-Cups (acht Nationen, ein Athlet pro Disziplin und Land, Punktewertung nach erzielten Platzierungen). Aber es wird schwierig sein, solche Veranstaltungen unter den heutigen Bedingungen (Kosten, Sendezeiten, Werbeeinnahmen, Einschaltquoten etc.) umzusetzen.

2008 gewann Dirk Thiele mit Sigi Heinrich für Eurosport den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Sport“ für die Berichterstattung der Olympischen Spiele 2008 in Peking. Unvergessen jedenfalls sind aber auch viele Leichtathletik-Moderationen der beiden unter anderem auch bei der Diamond League. Braucht es auch wieder mehr „freche“ Moderatoren, die sich auch mal vielleicht etwas politisch unkorrekt äußern?  

Wessinghage: Für mich stehen der Sport und die Athleten im Mittelpunkt, nicht die Moderatoren. Bei denen wünsche ich mir prinzipiell mehr Sachkenntnis und weniger Worthülsen.  

Viele erinnern sich noch immer an die Wettkämpfe vor Jahrzehnten mit Jackie Joyner-Kersee und Carl Lewis. Inzwischen sind die beiden 60 und 61 Jahre alt. Waren die 80er Jahre die beste Zeit für die Leichtathletik?

Wessinghage: Wären Sie älter, würden Sie sich vielleicht an Livio Berruti und Wilma Rudolph erinnern (Rom 1960). Die beste Zeit der Leichtathletik würde ich so definieren: die Jahre, in denen das Publikumsinteresse relativ zur erreichbaren Bevölkerung am höchsten war. Und wenn das Interesse hoch ist, dann gibt es quasi zwangsläufig auch Athleten, auf die sich das Interesse konzentriert.

Im August 1980 stellten Sie den ältesten immer noch gültigen deutschen Rekord bei olympischen Laufdisziplinen der Männer über 1.500 Meter auf. Wie lange wird dieser Rekord noch halten?

Wessinghage: Diese Frage kann ich naturgemäß nicht beantworten und ich gehe davon aus, dass Sie keine Antwort erwarten. Aus meiner Sicht ist das Weiterbestehen dieses Rekordes ein Indiz dafür, dass die Leichtathletik im Publikumsinteresse abgerutscht ist und viele talentierte junge Athleten sich derzeit anderen Sportarten zuwenden. Als Beispiel möge das Straßen-Radfahren dienen, das eine sehr hohe Medienpräsenz aufweist (Giro, Tour, Vuelta). Bestimmt wäre Lennart Kämna auch ein toller Langstreckenläufer geworden. 

Thomas Wessinghage (hier links im Bild) ist Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und deren Prorektor für Hochschulentwicklung und Transfer. Er ist auch als Autor und Fachmann für Gesundheitsthemen für die Verlagsgruppe Rentrop aktiv und hat auch seine eigene Website.

Interview: dh

Fotos: Johannes Ritter