Natürlich schreiben Journalisten gerne über andere Journalisten. Am liebsten über deren Exit, weil dann wieder ein Platz auf dem Sonnendeck frei wird. Und ein paar Krokodilstränen haben noch nie geschadet. Aber wenn man die Emotion-Fake-Facts mal bei Seite lässt, dann ist der Abgang von Stephan Schäfer bei RTL alles andere als überraschend. Sondern nur das natürliche Ende einer langen Geschichte.

Diese fängt 1975 an, als Bertelsmann mit 24,9 Prozent Mehrheitsaktionär wurde bei Gruner + Jahr. Aber halt nur ein Mehrheitsaktionär, der über seine Anteile schön mitverdiente an den satten G+J-Gewinnen – der aber nichts zu sagen hatte. Das war allen Seiten bewusst und keiner sprach es aus. Wenn die Bertelsmänner zu Besuch nach Hamburg reisten, wurde das in der G+J-Kantine so kommentiert, als käme die reiche Verwandtschaft vom Land auf eine Hafenrundfahrt vorbei. Die G+J-Führung kooperierte formell einwandfrei. Man wollte sich nichts vorwerfen lassen. Die Bertelsmänner beschwerten sich nicht. Man wollte sich ja die Cash-Cow nicht vergrämen.

Dieses Spiel ging so lange gut, wie die Hamburger auf Kurs waren und ihnen gerade mal egal sein konnte, ob sie 24,9 Prozent abführen mussten. Mit 75,1 Prozent blieb Jahr für Jahr ein großer Haufen Spielgeld. Der Umschwung kam mit den zwei aufeinander folgenden Schettino-artigen Kapitänen auf der Hamburger Kommandobrücke, die das Flaggschiff Gruner + Jahr in die Havarie führten. Jetzt schlug die Stunde der neuen Machthaber aus Gütersloh.

Sie installierten ein Satellitenregime unter J. Jäkel, O. Radtke und S. Schäfer mit dem incentivierten Auftrag, das Schiff nach Gütersloh zu steuern. Und weil es dort keinen Hafen gibt, wich man auf die Anleger in Köln am Rhein bei RTL aus. Der Auftrag wurde bekannter Weise mit Konsequenz zu Ende gebracht.  

Bei den meisten Übernahmen bittet man das Führungspersonal, noch eine Weile an Bord zu bleiben und die Zusammenführung zu begleiten. Frau Jäkel schien der geldwerte Vorteil dieses Wechsels nicht mehr Motivation genug. S. Schäfer blieb noch ein Weilchen und stellte dann fest, dass beim RTL-Programm journalistisches Denken anders interpretiert wird. Und wenn man sich das nicht mehr antun muss, dann lässt man sich halt gehen. O. Radtke wird sich das auch schon ausmalen.

Aus meiner Sicht hat S. Schäfer alles richtig gemacht. 

Der Digitalstratege und Ex-Verlagsfachmann Thomas Bily schreibt regelmäßig für Clap. Mehr über ihn erfahren Sie auf seiner Webseite digital-age.marketing.

Foto: Alexander von Spreti