“Ist das nicht ein ganz schlechter Zeitpunkt?”. „Warum denn gerade jetzt?“. Diese Fragen habe ich in den letzten Monaten häufig gehört. Gefolgt von “Nun kannst Du endlich mehr reisen!” als gut gemeinter, wenn auch nicht immer erbetener Ratschlag. Oder: “Komm’ mal runter!”. “Kloster!”. “Jakobsweg!”. Irgendwas mit „einfach nur weg!”.

Zum Verständnis: Ich bin jetzt fast 55 Jahre alt und seit meinem 18. Lebensjahr fester Bestandteil der Medienbranche, Fachabteilung Internationale TV-Produktion. Doch ich habe mich ausgeklinkt, bin meiner letzten Position entsprechend freigestellt. Das heißt angestellt, ohne besondere Aufgabe. Jegliche Verpflichtungen sind aufgegeben. Auszeit! Gibt es nach 35 Jahren Durchpowern einen falschen Moment, um einmal die persönliche Stopptaste zu drücken? Ja, wir erleben eine Zeit voller Krisen, viele Stellen werden endlich geschlechtergerecht besetzt und man mag mit Mitte 50 zum alten – wenn auch erfahrenen – Eisen zählen. Doch mich kümmern all diese Bedenken nicht. Nicht jetzt.

Warum sollte ich in exakt diesem Moment das Hamsterrad weiter am Laufen halten? Ich möchte gerade nicht über steigende Preise und die hohe Inflation reden. Nicht über Politik und politisches Handeln diskutieren. Auch nicht über das Wetter oder mit stirnrunzelnden Freunden und Weggefährten darüber, wie es wohl beruflich für mich weitergehen mag. Es gibt derzeit keinen Blick zurückzuwerfen. Alles war und ist in guter Ordnung übergeben worden. Die Trennung von meinem letzten Job verlief ruhig und allein das wird von meinem Umfeld bereits als ungewöhnlich wahrgenommen. Es herrscht Ruhe. Einfach nur Ruhe. Und diese Ruhe ist nicht besorgniserregend, diese Ruhe ist ein Geschenk der Situation.

Ich tanke auf, sammele Energie. Ich bin befreit von immer unsinnigeren Zielvorgaben; von Heerscharen an Controllern, die keine eigenen Visionen haben, aber Ideen von anderen grundsätzlich sehr gut und sehr schnell mit großen Zweifeln klein reden können. Ich trage nach Jahrzehnten keine Personalverantwortung für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ich muss kein Corona-Konzept für andere erstellen, sondern nur für mich. Meine Fürsorge gilt einmal ganz mir. Ich fühle mich alles andere als „alt“, bin nicht krisengebeutelt, nicht verhärmt – nichts von all dem, was eine negative Stimmung erzeugt. Ich erlebe eine Regenerationsphase, die ich, ohne es zu wissen, einmal gebraucht habe. Und ich bin dankbar, dass weder eine schwere Krankheit noch ein Burn-out der Grund für diese Pause sind.

Ganz offen gesprochen: Ich bin wieder ich. Bin endlich wieder selbst gesteuert. Mein Tag ist dabei genauso strukturiert, wie er es vorher schon war. Ich habe Zeit, mich mit Menschen zu treffen und ohne Stress Gespräche zu führen. Ich kann Reisen genießen, ohne mit dem Körper anderswo und mit dem Kopf im Büro zu sein. Es ist eine gute Zeit, dass Leben wahrzunehmen. Es ist meine Zeit. Meine Zeit, die ich gänzlich nach meinen Vorstellungen einteile.

Ich habe wieder Kapazitäten und ein offenes Ohr für meine Familie, Freunde und Menschen, die sich ein offenes Ohr von mir wünschen. Ich stecke immer noch in sehr vielen Rollen, aber ich habe auch wieder Zeit, diesen Rollen gerecht zu werden oder ihnen zu entkommen, ganz wie ich es mag und mich zu hinterfragen, was ich eigentlich noch so von meinem Leben und mir selbst erwarte. Ich fotografiere wieder und knipse weniger. Ich höre Musik statt Radio. Ich betrachte Filme und Serien wieder nach inhaltlichen und künstlerischen Merkmalen. Essen und Trinken sind wieder Genuss. Sogar die Erkenntnis, dass manche Menschen keine Laktose brauchen, um intolerant zu sein, dringt zu mir durch. Ich mache vieles und alles wieder selbst. Das kann ich tatsächlich, zuvor fehlte mir dafür einfach nur Gelassenheit und Zeit.

Kein Chauffeur, kein Sekretariat, keine IT oder HR-Unterstützung, kein Reisebüro. Und das Beste: All die vielen ‘Klugschnacker’, auch sie sind verschwunden. Selbst gute Ratschläge gebe ich mir selbst. Es gibt keinen Grund mehr zum Ausrasten, dafür ausreichend Grundlage zu rasten, zu reflektieren und zu lernen.

Dabei ist es so wohltuend festzustellen, dass ich bin, wer ich immer war. Das (Berufs)Leben hat mich nicht verändert. Ich habe mir ein 9€-Ticket gekauft und es genutzt. Ich sage nur Linie 18 bis nach Thielenbruch und zurück. New York habe ich von der 112th Street bis rüber nach Brooklyn mal wieder zu Fuß erlaufen. Laufen ist ein Privileg, wenn man Zeit hat. Und es rechtfertigt, dass ich mir mal wieder ein paar neue Sneaker leiste, obwohl der Schuhschrank gut gefüllt ist.

An dieser Stelle eine Bitte an alle die, die sich angesprochen fühlen mögen: Sorry, dass ich in all den Jahren Prioritäten setzen musste, die vielleicht manche Beziehung auf der Strecke zurückgelassen haben. Ich werde an anderer Stelle wieder Verantwortung tragen, neue Aufgaben mit frisch aufgeladenen Kräften umsetzen und versuchen, es dabei zukünftig anders zu machen. Ich werde einiges auf null setzen und zukünftig besser beherzigen. Auch wenn ich weiß, dass es nicht immer gelingen wird. Auf die mir derzeit am häufigsten gestellten Frage: “Weißt Du schon, wie es weitergeht?”, antworte ich daher auch weiterhin “Gott sei Dank noch nicht!”. Aber eines ist trotz dieser ungewissen Zeiten sicher: Es geht weiter. Und wir sehen uns wieder. Ich freue mich darauf!

Stefan Hoff war bis vor kurzem Geschäftsführer des technischen Dienstleisters EMG Germany und ist Vorstandsvorsitzender des TV-Verbands VTFF. Jetzt hat er wieder mehr Zeit, um für Clap regelmäßig zu schreiben.

Foto: syh®‘

 

 

Last Updated on 2. Dezember 2022 by Daniel Häuser