Startup-Expertin Linke: „Die Startup-Welt hat sich definitiv geändert“

Im vorletzten Jahr wurde Janna Linke, als Nachfolgerin von Tijen Onaran, Podcasterin beim „Business Punk“-Format „How to Hack“. Durch die Änderungen bei dem Wirtschaftstitel, er wurde bekanntlich an die Weimer Media Group verkauft, gab die RTL-Mitarbeiterin diesen Podcast ab. Doch die Kölnerin, die bei dem Nachrichtensender ntv auch das Startup-Magazin macht, scheint gefallen an dieser Form der Moderation gefunden zu haben. Seit dieser Woche macht sie einen neuen Podcast für RTL, wo sie mit einigen Startup-Mythen aufräumen will. Was sie genau vorhat, erzählt sie im Clap-Interview:

„Startup – Jetzt ganz ehrlich“ – das klingt nach einem investigativen Format. Wann keimte bei Ihnen der Wille auf, das Thema Startup kritischer anzugehen als bislang?

Linke: Ganz wichtig: Wir bei ntv beleuchten das Thema Gründerszene auch bislang schon kritisch und von allen Seiten. Mit dem Titel „Startup – Jetzt ganz ehrlich“ provozieren wir bewusst. Der Gründerszene wird nämlich oftmals vorgeworfen, um den heißen Brei herumzureden und Floskeln zu benutzen. Das gibt’s bei uns nicht. In einem Podcast hat man zudem die Möglichkeit noch mehr in die Tiefe zu gehen als in einem TV-Format. Und genau das ist unser Ziel. Denn: Die Startup-Szene befindet sich gerade an einem extrem spannenden Wendepunkt. Nach vielen Jahren, in denen sie nur eine Richtung kannte, und zwar nach oben, scheinen Gründerinnen und Gründer in der harten Realität angekommen zu sein. Es gibt weniger Neugründungen in Deutschland, zudem hat sich die Finanzierungskrise bei deutschen Startups deutlich verschärft. Laut einer aktuellen EY-Studie sammelten Jungunternehmen 2023 fast 40 Prozent weniger Wagniskapital ein als im Vorjahr. Das ist schon das zweite Jahr mit einem kräftigen Rückgang in Folge. Investoren sind vorsichtiger geworden. Hieß es früher noch „Wachstum um jeden Preis“, schauen sie heute vor allem auf die Profitabilität eines Startups. Geschichten, wie der kometenhafte Aufstieg des Online-Lebensmittellieferdiensts Gorillas 2021, würde es heute so nicht mehr geben. Ganz ehrlich: Die Bewertung mit mehr als einer Milliarde Euro hat mich auch schon damals stutzig gemacht. Die Startup-Welt hat sich definitiv geändert. Die fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Was bedeutet das für Gründerinnen und Gründer? Und was bedeutet das für unsere Wirtschaft? Genau diese Fragen beantworten wir im Podcast „Startup – Jetzt ganz ehrlich“. Und zwar ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und schonungslos ehrlich.

Inwiefern werden sich künftig der Podcast und ihre ntv-Sendung ähneln? Gibt es ähnliche oder auch die gleichen Themen?

Linke: Synergien sind das A und O. Für unseren neuen Podcast interviewen wir die spannendsten Köpfe der Gründerszene zu aktuellen Themen. Diese Interviews filmen wir zudem mit. Stichwort: Video-Podcast. Diese Ausschnitte verwenden wir dann auch in unserem TV- Format Startup Magazin. Andersherum setzt sich das inhaltliche Intro des Podcast auch aus verschiedenen Tönen und Geschichten zusammen, die die Mediengruppe über die Zeit gedreht hat. Dadurch profitieren beide Formate voneinander. Wie das TV-Format, ist auch der Podcast crossmedial konzipiert und wird auf ntv.de mit ausführlicheren Artikeln und auf Social-Media mit Highlight-Clips verlängert.

Linke im Einsatz für Ihren neuen Podcast „Startup – jetzt ganz ehrlich“.

Sie sind also jetzt nicht mehr mit dem Markennamen „Business Punk“ unterwegs. Welche Neuerungen bringt das denn ganz grundsätzlich mit sich?

Linke: Der Podcast „How to Hack“ von Business Punk war mein Einstieg in die Podcast-Welt und hat mich für dieses Medium begeistert. Ich habe jede einzelne Folge mit großer Leidenschaft aufgenommen und unglaublich viel gelernt. Nach fast zwei Jahren und 85 Folgen war es allerdings an der Zeit etwas Neues auszuprobieren. Ich bin absoluter Podcast-Fan, denn hier hat man eine ganz besondere Möglichkeit Geschichten zu erzählen. Intensiv, ausführlich und intim. Das fasziniert mich. Interviewgäste öffnen sich hier oftmals mehr als in anderen Formaten. Zudem berichten wir bei ntv seit 8 Jahren ausführlich über die Startup-Szene. Jetzt war es Zeit diese zwei Welten zu vereinen. Das Besondere an unserem neuen Podcast: Er ist eine Kombination aus investigativem Beitrag + längerem Interview + ganz viel schonungsloser Ehrlichkeit. Blabla gibt’s bei uns nicht! Wir ordnen ein, haken nach. Persönlich, ehrlich und mit einem echten Mehrwert für jeden! Dafür sprechen wir mit Persönlichkeiten der Startup-Szene, Expertinnen und Experten und geben den Zuhörer*innen den absoluten Rundumblick! Gemeinsam tauchen wir tief ein in die Startup-Welt!

Waren Sie eigentlich von etlichen Startup-Versprechungen, die Sie in Ihrer Berufslaufbahn gehört haben, enttäuscht?

Linke: Enttäuscht ist das falsche Wort. Eher ernüchtert. Dabei will ich den Gründern und Gründerinnen keine böse Absicht unterstellen. Oftmals hat sich auch einfach das Marktumfeld verändert. Ein gutes Beispiel dafür ist das Münchner Mobilitäts-Startup Sono Motors. Tatsächlich begleiten wir das Unternehmen schon seit vielen Jahren. Die Idee: Ein selbstladendes Sonnenauto. Die Zielgruppe: Menschen, die auf nachhaltige Mobilität setzen wollen. Damit sammelten sie insgesamt 330 Millionen Euro ein. Auch durch diverse Crowdfunding- Kampagnen. Also Geld von der Community. Nun ist das Projekt tot und die Ernüchterung groß. Es gibt eben kaum etwas kapitalintensiveres als ein neues Auto zu bauen und gerade jetzt scheuen sich Investoren vor hochspekulativen Investments. Wurde zu viel Geld und Fokus in die Kommunikation der Idee gesteckt und zu wenig in den tatsächlichen Bau der Autos? Fragen, die sich vor allen Dingen das Gründerteam stellen muss, aber eben auch ich als Journalistin. Ich habe die Gründer von Sono Motors auch schon als Gäste für den Podcast angefragt. Das Gespräch wäre definitiv sehr spannend.

Und über welche Entwicklung bei einem jungen Unternehmen, über das sie berichtet haben, haben Sie sich am meisten gefreut?

Linke: Wenn aus einer Idee etwas wird, dass zum Alltag der Menschen gehört. Fast jeder kennt die grünen Flixbusse, nicht nur in Deutschland. Günstig von A nach B kommen. Mit dieser Idee ist das Startup aus München binnen elf Jahren zum Weltmarktführer im Busreiseverkehr aufgestiegen. Seit 2017 mischen sie auch im Zugverkehr mit. Angefangen hat alles 2013, als in Deutschland der Fernbusmarkt liberalisiert wurde. Vorher durften Fernbusse der Deutschen Bahn nämlich keine Konkurrenz machen. In diesem Moment als Unternehmer das Potenzial zu erkennen und dann auch aus dem stark umkämpfen Markt als Sieger hervorzugehen, da gehört schon einiges dazu.

Bringen Journalisten den Startups oftmals zu viel Wohlwollen entgegen?

Linke: Journalisten tragen die Verantwortung, die Öffentlichkeit umfassend zu informieren. Eine ausgewogene und kritische Berichterstattung, die sowohl die Chancen als auch die Risiken betrachtet, ist wichtig. Vor allem im Wirtschaftsjournalismus habe viele Unternehmen, über die berichtet wird, eine klare PR-Strategie. Das muss einem als Journalistin oder als Journalist bewusst sein. Man darf sich nicht blenden lassen. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass wie potenzielle Lösungen für die dringenden Probleme unserer Zeit zeigen. Kopf in den Sand stecken ist nämlich nie eine gute Idee. 

Sie werden gemeinsam mit Lara Sophie Bothur ein Buch schreiben über das Thema Corporate Influencing und warum kein Unternehmen daran in Zukunft vorbeikommt. Was hat Sie dazu motiviert?

Linke: Menschen folgen Menschen. Und das schon seit Jahrtausenden. Doch obwohl wir das Wissen, verschwenden wir im Business genau dieses Potenzial. Als Unternehmen, als Führungskraft, als Gründer*in, als Mitarbeiter*in. Zeit, dass sich das ändert! Echtheit und Menschlichkeit sind die neue Superpower der Kommunikation und Corporate Influencer, die neuen Superhelden, die komplexe Themen spannend und verständlich präsentieren. Gerade die fortschreitende Entwicklung von Künstlicher Intelligenz wirft die Frage auf: Was zeichnet uns Menschen aus, wofür braucht es uns noch? Die Antwort: In einer Welt, in der Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen, ist es gerade die menschliche Note, die zählt. In Zeiten des Fachkräftemangels wird es zudem immer wichtiger, ein persönliches, authentisches Gesicht zu zeigen, um talentierte Fachkräfte anzuziehen und zu binden. Gerade die Generation Z, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist, schätzt Echtheit und Menschlichkeit in der Kommunikation. Meine Mit-Autorin und ich sind beide Mitarbeiterinnen in großen Konzernen und haben das Thema Corporate Influencing als eine der ersten in unseren Unternehmen umgesetzt. Wir wollen unser Wissen und unsere Erfahrung weitergeben und andere dazu ermutigen – sowohl Mitarbeiter*innen als auch Unternehmen – sichtbarer zu werden.

Interview: dh

Fotos: RTL Deutschland