Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe. Michael Kneissler schreibt regelmäßig über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Heute: Dschungelcamperin Sonja Zietlow.

Es wird Zeit, schnell noch Sonja Zietlow zu würdigen, bevor das Dschungelcamp auf RTL final geht. Die am krassesten auf (Wind-) Schlüpfrigkeit optimierte Lesekartenleserin des deutschen Fernsehens ist für ihren bedingungslosen Willen zur Tieferlegung des Niveaus in den höchsten Tönen zu loben.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ein Mensch mit eigenständiger Gehirnleistung IBES moderieren müsste: was für ein Fiasko! Das Prinzip Dschungel kann nur mit Moderationsrobotern funktionieren, die Comic-Figuren ähnelnd einen vorgeschriebenen Text aufsagen und das unsägliche Geschehen im Camp dadurch codieren und erträglich machen. Das kann die Zietlow wie keine andere. In den ersten Folgen der aktuellen Staffel hat sie ein paar Mal versucht, frei zu sprechen, das ging voll daneben. Aber eine wie die Zietlow lernt schnell. Seit Tag vier im Dschungel liest sie wieder passiv ab, was andere ihr aufgeschrieben haben. Seitdem läuft es wie geschmiert.

Ein absoluter Pluspunkt ist die Mimik der Zietlow, die aufgrund herzhafter Botox-Anwendungen nicht existiert. Einerseits wird sie damit zur jungfräulichen Leinwand, die es ermöglicht jedes denkbare Gefühl virtuell hinein zu interpretieren. Andererseits führt ihr Antlitz dazu, einige der hardcore-operierten Visagen bei den Insassen des Camps unten im Matratzenlager mit größerer Nachsicht zu betrachten.

Das neue Gesicht der Zietlow in der Version 2017 spannt zwar an allen Ecken und Kanten – und nur mit Mühe lässt sich eine Augenbraue heben, wie sie erschreckenderweise in einer der Shows demonstrierte. Aber das zeigt nur einen weiteren großen Vorzug der Zietlow: Vollkommene Hemmungslosigkeit in der Selbst- und Fremdentblößung.

Egal wie fies es klingt, was die IBES-Autoren (darunter ihr Mann Jens Oliver Haas) ihr auf’s Kärtchen schreiben – sie verkündet es schmerzfrei in die nächstbeste Kamera. Auch wenn sie selbst das Opfer der Verbalattacken ist. So wissen wir nun, dass die Zietlow ihr Fake-Face „dem Beauty-Doc“ und einer (Achtung, Kopfkino!) aus ihrem eigenen Blut hergestellten Creme zu verdanken hat. Das ist mehr Info, als die meisten wollen, aber gleichzeitig ein schöner Beleg für die grenzenlose Offenheit der Zietlow. Auch dafür hat sie unsere Zuneigung verdient. In Zeiten der Fake-News muss man für alles dankbar sein, was der Wahrheitsfindung dient.

Sonja Zietlow, 48, lebt mit Ehemann und Hunden südlich von München. Die ehemalige Lufthansa-Pilotin moderiert seit 2004 „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, zuerst mit Dirk Bach, seit dessen Tod 2012 mit Daniel Hartwich.

 

Foto: RTL