Noch vor wenigen Monaten hätten wir nicht geglaubt, dass wir in absehbarer Zeit überhaupt wieder Urlaub machen werden. Doch dann begann der nie dagewesene Run auf deutsche Urlaubsregionen, von denen viele weder wussten, dass es sie gibt, noch dass sie mit so seltsamen Namen wie Scharbeutz an unserer schönen Ostseeküste daherkommen. Hurz!

Nein, die von Werbefuzzis längst gebuchten und bevorzugten Reisen nach Bali, Mauritius und in die Karibik fielen buchstäblich ins Wasser. Mir ging es ganz ähnlich. Wir hatten im Juli eine Woche New York mitsamt Broadway-Musical gebucht. Was macht man stattdessen? Hierzulande nach einem Ersatz suchen, möglichst so etwas Ähnliches wie Big Apple – und landet… im Allgäu.

Damit die neu gewonnene Freiheit in deutschen Urlaubslanden wirklich zur Erholung wird, muss man jedoch Vorkehrungen treffen. Frühstücksbuffet? Never. Überfüllte Wellness-Zonen? Never, ever. Man mag sich nicht ständig umschauen und wie so’n Hypochonder überlegen, ob fremde Menschen einem nicht doch zu nahekommen. Um dann festzustellen, dass anderthalb, besser zwei Meter Abstand in einem ausgebuchten Hotel ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Da gibt es nur eine Lösung: sich freikaufen. Also Ferienwohnung weit ab vom Schuss. Airbnb im Luxussegment vom Superhost. Oder eben im Allgäu ein Chalet mit Hotelanschluss anstelle des lapidaren Zimmers mit Kiefernholz-Bett und Schrank, in dem sich kein Mensch aufhalten mag. Nein, ein Chalet sollte es schon sein. Mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Frühstück auf der Terrasse, eigener Sauna, Rasengrundstück vor der Almhütte – und kein Mensch weit und breit. So lässt sich unbekümmert Urlaub vor Corona machen.

Das hat allerdings seinen Preis. Eine Suite im Scharbeutzer „Grand Hotel BelVeder“ (die Schreibweise tut ja regelrecht in den Augen weh) kostet mal eben € 440 die Nacht. Das Badehäuschen im „Weissenhaus (nicht Waisenhaus!) Grand Village Resort & Spa“ fängt preislich bei € 980 an, wofür man immerhin Frühstück bekommt. Geradezu mittelpreisig ist dagegen mit € 750 (inkl. Obstteller) die Kuppelsuite im „Ceres am Meer“ in Binz. Schon ist man frei.

Wer kennt dieses Freikaufen besser als wir, die in Marketing und Werbung, Media und Medien unser Dasein fristen? Guter Journalismus ist eine verdammt teure Angelegenheit. Will man bestens informiert sein, blättert man für ein Abo der Süddeutschen locker € 950 im Jahr hin. Also genauso viel wie für eine Nacht im Weissenhaus. Die Alternative: Schlecht informiert und dumm sterben.
Nicht anders bei herausragender Kreation. Für eine Kampagne, über die das ganze Land spricht, muss man schon einen sechs- bis siebenstelligen Betrag investieren. Der legendäre Adidas-Spot mit David Beckham soll 2-3 Mio. Dollar gekostet haben. Und Agenturen wie DDB, Jung von Matt oder RaphaelBrinkert arbeiten auch nicht umsonst. Also sagen wir so viel wie mindestens 42 Wochen im Weissenhaus. Die Alternative: Ein langsamer Tod zwischen Check24 und Seitenbacher.

Und dann erst Media. Achtet man immer nur auf den günstigsten TKP und die höchsten Rabatte, darf man sicher sein, zu den 89 Prozent der Kampagnen zu zählen, die niemand wahrnimmt. Sichtbare Reichweite kostet schnell mal ein paar Millionen Euro. Oder auch fünf Jahre Dauerdomzil im Weissenhaus aufwärts. Die Alternative: Ein qualvoller Mediatod durch Missachtung.

Es hilft also alles nichts. Freikaufen ist die Lösung. Raus mit der Kohle.

Das letzte Hemd hat keine Taschen.

Text und Foto: Thomas Koch