Als kurz vor Weihnachten die geschäftliche Aufmerksamkeit auf die private wechselte, schickte ProSiebenSat.1 noch eine erstaunliche Pressemitteilung in die Welt: Katja Hofem, die auf vielfältige Art und Weise in den vergangenen Jahren den Kurs des Medienunternehmens mitbestimmte, verlässt als Geschäftsführerin die Plattform Joyn. Doch welche unternehmerischen Konsequenzen diese Personalie hat, stand in der Mitteilung nicht.

Für Ex-P7S1-CEO Max Conze war Joyn die Wachstumsstory schlechthin. Der Streaming-Dienst sollte groß aufgebaut werden und später auf Augenhöhe agieren mit Wettbewerbern wie Netflix oder Amazon Prime Video. Hohe Investitionen erfolgten und die Crew bekam ein schickes und hochmodernes Gebäude nicht etwa in Unterföhring, sondern mitten in der Münchner Stadt. Ende 2019 startete mit Joyn+ auch ein Bezahlangebot mit exklusiven Serien wie „Frau Jordan stellt gleich“ oder „Check Check“ mit Klaas Heufer-Umlauf. Doch nach dem Launch von Joyn+ hielten sich die selbst produzierten Inhalte in Grenzen.

Spätestens seit dem Abgang von Conze im letzten Jahr begannen sich die Vorzeichen zu drehen. Mitte des Jahres verließ dann Geschäftsführer Alexandar Vassiliev, der mittlerweile zu WeTransfer gewechselt ist, den Service. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich etwas in der Strategie des Medienunternehmens geändert hatte.

Die beiden früheren Joyn-Chefs Alexandar Vassiliev und Katja Hofem.

Erst vor kurzem wurde bekannt, dass der Joint Venture-Partner Discovery in Zusammenarbeit mit Vodafone eigene Streaming-Interessen mit Discovery+ verfolgt. Das muss nicht zwingend etwas für die Partnerschaft bedeuten. Die TV-Branche fragt sich dennoch: Sind ProSiebenSat.1 und Discovery hierzulande doch zu unterschiedlich in der Aufstellung, um eine gemeinsame Plattform bilden zu können?

Zuletzt hat Wettbewerber TV Now eine neue Partnerschaft mit Magenta TV bekannt gegeben. Auch Joyn sollte sich nun um neue Kooperationen bemühen. Etwa auch mit der Telekom, die angeblich gerade Allianzen mit Disney+ und DAZN schmiedet? Nicht unvorstellbar. Dabei liegt eine andere Kollaboration eigentlich ganz nahe. Was spricht eigentlich gegen ein Bündnis mit der Sky Q-Plattform? Es wäre eigentlich ein nachvollziehbarer Schritt – und so abwegig ist es auch nicht.

Beim Pressegespräch des Verbandes Vaunet wurde genau das Mitte 2019 bereits erörtert. Der mittlerweile bei Sky ausgeschiedene Holger Enßlin zeigte sich dazu sehr offen. Darauf angesprochen, ob er sich denn eine Kooperation mit Joyn vorstellen könnte, reagierte er damals alles andere als abweisend. Für Sky Ticket könnte Joyn theoretisch ein Vertriebskanal werden, sagte er. Aber natürlich wäre es auch vorstellbar, dass die App irgendwann einmal bei Sky Q unterkommen könnte.

So schnell geht das allerdings nicht. Da beim Pay TV-Sender die Entscheidungswege schwieriger geworden sind, alle wesentlichen Decisions werden angeblich mittlerweile in der Londoner Zentrale getroffen, könnte so ein Schritt etwas dauern. Und auch bei ProSiebenSat.1 wird sicher erst nach dem Weggang von Hofem in diesen Tagen genauer überlegt werden, wie die mögliche Wachstumsstory „Joyn“ nun fortgesetzt werden kann. (dh)