Über das deutschprachige Online-Magazin Golem.de hat Google mittlerweile offiziell auf die Leistungsschutzrecht-Forderungen reagiert, die Corint Media-Geschäftsführer Christoph Schwennicke gegenüber Clap in der vergangenen Woche beziffert hat. „Wir haben die Gespräche mit deutschen Verlagen in der festen Absicht aufgenommen, eine für alle Seiten gute Lösung und einen angemessenen Preis zu finden“, so Google bei Golem. Man solle sich aber an „den Realitäten orientieren“. Um eine Einschätzung zur Lage der Dinge zu erhalten, führten wir ein Interview mit Mr. Media, Thomas Koch.

Corint Media fordert aus dem Leistungsschutzrecht bis zu 900 Millionen Euro von Google pro Jahr. Das ist eine Menge Geld. Viel zu hoch gegriffen?

Koch: Im Gegenteil. Wahrscheinlich ist der Content-Deal mehr wert. Außerdem reagieren die Googles und Facebooks dieser Welt erst dann, wenn die Milliarde im Raum steht. Alles darunter sind für die Peanuts. Da aber 900 Millionen Euro bekanntlich 1,1 Milliarden Dollar sind, passt es doch.

Muss man jetzt wirklich endlos Debatten führen über die Unabhängigkeit von Corint Media? Wäre es nicht viel besser, man würde jetzt endlich handeln statt zu debattieren?

Koch: Corint fungiert als Treuhänder und ist damit per se unabhängig. So lange sie sich nicht wie die Mediaagenturen vom Treuhänder zum Großhändler entwickeln, ist der Vorwurf absurd. Also handeln.

In der aktuellen Clap-Kolumne schreiben Sie darüber, dass 280 zerstrittene deutsche Verlage für Facebook kein Partner auf Augenhöhe sind. Ist das wirklich so?

Koch: Versetzen wir uns in die Lage Facebooks. Hätten Sie Lust mit 280 Protagonisten zu verhandeln, die unterschiedlicher Meinung sind? Man könnte sich ebenso gut einen rostigen Nagel ins Knie rammen.

Mathias Döpfner ist mit Springer mal wieder der First Mover. Wie sollte er sich nun als BDZV-Präsident gegenüber den Verlagen verhalten?

Koch: Er kann nicht zwei Herren dienen. Er muss sich für einen entscheiden. Und das Springer-Hemd ist ihm nun einmal näher als die BDZV-Hose. Wollen wir ihm das verübeln? Zumal die BDZV-Mitglieder von seinem Move profitieren. Dort kann er tun, was er am besten kann: mit stolz geschwellter Brust auftreten.

Wie finden Sie die Einlassung von Madsack-Chef Thomas Düffert, der nicht will, dass die Gebühren aus dem Leistungsschutzrecht nicht nur nach Klicks und Visits verteilt werden. Qualität solle bei der Verteilung der Gelder stärker belohnt werden. Das ist doch eine Forderung, die in der Praxis nur schwer umzusetzen ist. Oder etwa nicht?

Koch: Düffert will einen Unterschied zwischen wertvollerem und wertloserem Journalismus machen. Das ist eine Attacke auf Döpfner’s „Bild“ (die ich nicht anhimmle). Hat aber hier nichts zu suchen. Außerdem, wer will denn da die Trennlinie ziehen? Düffert? Quatsch mit Soße.

In der „FAZ“ klagten Sie vor kurzem, „wer nur die Digitalgiganten füttert, verliert“. Welches Feedback haben Sie darauf bekommen?

Koch: Ein gigantisches. Und etwa 99,3 Prozent Zustimmung. Auf die Worte müssen jetzt nur noch Taten folgen.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Lernkurve demnächst bei den Agenturen hinsichtlich Amazon, Facebook und Google wieder etwas steiler wird?

Koch: In den Agenturen sitzt niemand, der „lernen“ will. Dafür viele, die Geld verdienen wollen. Den Agenturen, die nichts weiter als Mittler sind, darf man Entscheidungen solcher Tragweite für unsere Gesellschaft nicht überlassen. Das müssen die Unternehmenskapitäne schon selbst machen. Sie entscheiden, ob sie Captain der Titanic oder Apollo 11 sein wollen.

Anderes Thema: Welche Fortschritte gibt es aktuell bei Ihrer #StopFundingHateNow-Initiative?

Koch: Nachdem die Zahl von 350 Unternehmen überschritten ist, die auf Hate und Fake News-Seiten werben, kann man vom Who-is-Who der deutschen Wirtschaft sprechen. Das Thema Brand Safety ist viel größer als man hierzulande dachte. Entsprechend aufgeschreckt sind die Verbände. Alle Agenturen und 80 Prozent der Unternehmen ignorieren es jedoch. Wirklichen Fortschritt erkenne ich nur bei meinem Blutdruck. Es liegt erschreckend viel Arbeit vor uns.

Interview: Daniel Häuser

Foto/Montage: Alexander von Spreti