Viel Habeck und wenig Baerbock gaben uns die Grünen während der zuletzt vielzählig gelaufenen Sommerinterviews. Das hielt uns nicht davon ab, den Kandidaten-Check mit Sabine Altena zu machen. Die Körpersprache-Expertin kennt aus ihrer Praxis die verräterischen kleinen Gesten der Polit-Größen. Wie schlugen sich also Olaf Scholz, Armin Laschet, Christian Lindner, Dietmar Bartsch und auch Annalena Baerbock in verbaler und nonverbaler Hinsicht? Hier ihre Analyse.

„Die Schuhe müssen zum Gürtel passen.“

Dieser Satz klingt nach einem echten Gerhard Schröder. Doch weit gefehlt! Lothar Matthäus hat’s gesagt. Und bringt damit die Grundproblematik dieses Bundestagswahlkampfs 2021 auf den Punkt: Hier passt kein Schuh zum Gürtel. Weil: Man sieht kaum Schuhe, geschweige denn Gürtel. Es ist der Wahlkampf der Unsichtbaren. Der Schweiger. Der Verschweiger. Eine Wahl zwischen Not und Elend. Und das ist, excuse my french, so unfuckingfassbar… unnötig! Alle könnten viel mehr aus sich rausholen. Mehr wirken. Mehr begeistern. Potential ist da! Wir schwingen uns auf zu einer knackig-humoristischen Analyse der AUSSENWIRKUNG unserer Spitzenkandidaten. Wie entsteht sie, was ist wichtig, wie wirkt’s überzeugend? Denn das ist immer spannend, auch ganz ohne Wahl.

Olaf Scholz

Der Genderkönig.

Wer hätte das gedacht: Olaf gibt im August plötzlich Gas, indirekt zumindest. Er bleibt völlig gleich, nur die Umfragewerte wachsen. Kein Plagiatsvorwurf weit und breit, das hilft! Während sich Baerbock und Laschet ständig für irgendeinen Fauxpas entschuldigen müssen, cruist Scholzi ganz gemütlich Richtung Allzeithoch.

Chancen: Scholz ist schlagfertig. Keiner von den anderen kriegt das so elegant hin wie er, ein echter USP. Er positioniert sich völlig klar und pointiert als Frauen-Unterstützer. Er ist Finanzminister und hat mehr internationales Flair geschnuppert als die bucklige Konkurrenz.

Risiken: Was macht Olaf Scholz so farblos? Die Antwort ist einfach: Er ist farblos! Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Blass um die Nase ist er… – verständlich, bei der aktuellen Wirtschaftslage. Scholz wirkt körpersprachlich meist, als ob er all sein Vermögen in Bitcoins gesteckt hat, letzten März, kurz vor dem Absturz: Leicht eingesunken im Schulterbereich und schmal steht er da, gibt seinen Armen wenig Raum. Bei „Brigitte live!“ wird er eingerahmt von den hochhackigen Chefinnen des Blatts. Scholz 10 cm kleiner als die Ladies mit einem Gesichtsausdruck zwischen Not und Elend. Also Olaf, nächstes Mal unbedingt die Pumps einpacken! Wenn die Damen schon nicht die Bewusstheit mitbringen, sich auf – körperliche – Augenhöhe mit ihren Interviewpartnern zu stellen, dann darf der Protagonist selbst etwas tun. Popstar Prince hat das seinerzeit sehr klar gelöst: Kein Tänzer durfte größer sein als er selbst.

Tipp: Groß sein geht auch, wenn alle anderen um einen herum mehr Körperlänge haben. Haltung! König. Die äußerliche Größe spielt genau KEINE Rolle, wenn man selbst seine innerliche Größe kennt, liebt und somit auch ausstrahlt. Und gerne mehr Farbe!! Wenn schon nicht im Gesicht, dann im Anzug, im Hemd, Gürtel und Schuhe (am besten Lothar fragen).

Brigitte Live: Olaf Scholz traf sich im Juli mit hochhackigen Interview-Partnerinnen.

Armin Laschet

Der Papa.

Er sei „der Richtige“ sagt er bei „Brigitte Live“ – und lächelt dabei so spitzbübisch, dass ich den vierjährigen Armin sehe, der sich gerade aus Oma´s Süßigkeiten-Schublade was stibitzt hat. Das begeistert mich kurzzeitig so sehr, dass ich fast vergesse, auf den Inhalt zu hören. Und das hält an. Wenn Armin erzählt, sehe ich blitzende Augen, eine ruhige, warme Stimme, ein freundliches Gesicht, ja sogar ein Lächeln. Laschet, der ungekrönte Märchenkönig.

Chancen: Er ist Vater. Er war Frauenminister. Er weiß, dass dieses Package cool ist. Auf schlüpfrige Themen und Fragen wie „Würden Sie das nochmal tun?“ antwortet er selbstbewusst „exakt.“ Meist verwendetes Wort: „Sicherheit“. Das mag die Zielgruppe. Er dreht sich bewusst offen zum Fragensteller, macht die Arme weit. Signal: Ich bin da, stell mir alle Fragen dieser Welt.

Risiken: Die heiße Luft. Er plaudert lieber, als dass er wirklich etwas sagt. Motto: Nichts sagen ist besser als irgendetwas sagen. Er lacht, wenn es nichts zu lachen gibt. Er steht rum, wenn es anzupacken gilt. Die Leute in den Hochwassergebieten sind sauer auf den Bussi Bär mit der guten Laune und nichts im Gepäck außer ein paar Kameras.

Tipp: Anpacken. Kameras weg. Action. Kopf hoch, möchte ich ihm zurufen, nicht nur wegen sinkender Umfragewerte. Meist hält er seinen Kopf leicht schräg nach rechts… Das kann signalisieren: Ich höre zu. Im Tierreich heißt es allerdings: Tu mir nichts!

Spitzbübisch war Laschet nicht nur bei Brigitte Live. Er absolvierte bereits das ARD-, und das ZDF-Sommerinterview.

Annalena Habeck, pardon, Baerbock

Die Quirlige

Sie spaltet Deutschland in vielerlei Hinsicht. Frau und Mutter. Grün und ökonomisch interessiert. Autorin und Abschreiberin. Klein und oho. Es hätte ganz spannend werden können mit ihr, aber gut, hätte, hätte Fahrradschlauch.

Chancen: Echte Begeisterung! Sie sprüht aus jeder Pore: Das bin ich, das will ich, das glaube ich. Kraftvolle Stimme, freundliches Gesicht, gute Rhetorik. Und natürlich jede Menge Trampolinerfahrung – das kann nie schaden.

Risiken: Mangelnde Vorbereitung auf den Nahkampf. Der Wahlkampf heißt aus gutem Grund so – jedes Fitzelchen wird auseinandergenommen. Ob Lebenslauf, Buch, mögliche Angriffe oder auch so banale Dinge wie ein Interview draußen. Das ZDF hatte sich was besonders coronakonform-witziges ausgedacht und ein Interview draußen in der Sonne arrangiert. Annalena – wird die eigentlich immer noch von ihrem Mann beraten??? – lässt sich so hinsetzen, dass ihr die Sonne ins Gesicht scheint (zumindest war das beim Sommerinterview 2020 so. Ihre Fans lässt sie ja in diesem Jahr noch auf sich warten). Folge: Zusammengekniffene Augen von Anfang bis Ende. Und ich muss keine Körpersprache-Expertin sein, um das NICHT zu empfehlen. Es wirkt – Überraschung! – verkniffen, angestrengt und auf keinen Fall so, wie man sich als neue Kanzlerin präsentieren möchte. Wenn sie etwas frotzelig angegangen wird („Sie sprechen so schnell, haben Sie da schon mal dran gearbeitet“?), friert ihr Lächeln in Nuancen, die Stimme wird ein bisschen härter. Gefühl: Sie kann noch nicht wirklich über sich selbst lachen. Das hat sie mit vielen ihrer Generation gemein, manche lernen es nie. Aber als Frau in einer solchen Position ist es meiner Meinung nach eine Kernkompetenz: Sich selbst nicht so furchtbar ernst nehmen.

Tipp: The Show must go on! Das gilt für Bühne und Präsentation genauso wie für den Wahlkampf. Raus aus dem Untergrund, Annalena! Die Laschet-Scholz-Nummer („Ich sage nichts!“) funktioniert nur, wenn sie von Anfang an praktiziert wird. Jetzt wirkt der Baerbocksche Rückzug wie eine Flucht. Und Habeck muss es richten? Mh. Auch das steht einer künftigen Kanzlerin nicht gut zu Gesicht.

Zugekniffene Augen im letzten Jahr: vielleicht macht es die Kanzlerkandidatin 2021 besser.

Christian Lindner

Der Bessere.

Der Christian, mensch… was waren das noch für Zeiten, als er im Feinripp und mit Dreitagebart alle Frauen zwischen 15 und 65 an die Wahlurnen gelockt hat. Mittlerweile ist er wieder gedeckter (und langweiliger) im Erscheinungsbild. Taubenblaue Anzüge, wenn sein muss. Was sich allerdings nicht geändert hat: Er denkt immer noch, er könne mit pseudointellektuellem Sprech („dysfunktional“) etwas bewirken. Und sagen wir so: Immerhin wird seine Botschaft dadurch dysfunktional.

Chancen: Keiner kann so treuherzig kucken wie Christian. Unser Bussibär Armin Laschet ist nah dran, okay – aber Christian ist viel jünger. Bei der weiblichen Wahlbevölkerung wird er hier wieder punkten. Inhalt ist doch auch echt überbewertet.

Risiken: Inhalt. Und dessen Verpackung. Lindner spricht von „Wohlstandspuffer“, „Staatsfrömmigkeit“ und davon, dass wir „die zukünftige Richtung ausprägen können“. Versteht zwar keine Sau, aber egal. Hauptsache, es klingt nach BWL und Sartre. Mehrheiten gibt´s dafür leider nicht. Gefährlich werden könnte ihm auch dieses leichte Lächeln à la: Relax… ich weiß es einfach ein bisschen BESSER als du!

Tipp: Einfach weiterhin mit FDP Generalsekretär Volker Wissing auf die Bühne stellen. Der hat – in aller Zugewandtheit – die Strahlkraft eines Besenstiels. Dagegen wirkt JEDER wie George Clooney.

FDP-Chef Lindner und der offensive Kamerablick: ARD-Sommerinterview im Juli 2021.

 

Dietmar Bartsch

Der Kämpfer

Dietmar, der Baum. Gegen sein 1,93 m muss man erst mal anstinken. Er ist die Opposition in Reinform, kämpfend, gestikulierend, fordernd. Lächeln ist seine Waffe nicht. Es wird gebissen. Und zwar ganz seriös im dunkelblauen Anzug. Damit das klar ist.  

„Das soziale korrektiv“

Chancen: Er ist lauter als alle anderes zusammen. Bartsch verkörpert das „soziale Korrektiv“ auf zwei ziemlich langen Beinen. Größe hat noch nie geschadet! Äußerlich auch nicht. Er ist kampflustig. Ernste Miene. Starke Parolen. Inhalt? Bitte selbst beurteilen. Spoiler: Bei Laschet ist es auch nicht mehr.

Risiken: Frauen stehen auf Männer mit Humor. Und wer nicht lacht, ist raus. Daher werden die Frauen – meine steile These – weniger auf Dietmar fliegen. Er bleibt ernst in seiner Mimik, weil er  (vermutlich) das Leben auch als ernste Sache betrachtet. So klingt es zumindest, wenn er redet. Lieblingswort: „müssen“. Zweitliebste Vokabel: „Reichensteuer“.
Der Ernst weicht nur, wenn er über Fußball redet. Da wird plötzlich alles weich und fröhlich im Gesicht.

Tipp: Mehr über Fußball reden!!

Solider Auftritt: Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch im ARD-Sommerinterview am 1. August 2021

 

Generell bleibt festzustellen: Keiner traut sich wirklich, anders zu sein, aufzufallen. Den Kopf aus der Masse zu strecken. Man möchte ihnen allen zurufen: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken!“ – aber dann hat Lothar Matthäus ja schon wieder das letzte Wort…

Na gut. Warum eigentlich nicht. Vielleicht wäre eh er der beste aller Kanzler. Denn schon vor Jahren hat er die beste aller Botschaften durch die Welt geschickt: I hope we have a little bit lucky.

 

Sabine Altena ist Management-Coach und Rednerin. Ihre Bauchmitte-Themen: Charisma, Auftritt & Kamera, Rhetorik & Schlagfertigkeit. Ihr Wissen verdankt sie ihrer wilden Vergangenheit: in ihrer ersten Karriere war sie 17 Jahre Moderatorin bei Radio & TV (Antenne Bayern, WDR etc.). Somit ist ihre Kernkompetenz genau da, wo´s oft zwickt: Überzeugendes Auftreten – auch bei völliger Ahnungslosigkeit. Sabine teilt ihre Ideen, Stories und Wissen auf Instagram, in ihrem Podcast „Die Wow Show“ und auf www.sabinealtena.de.

Fotos: Screenshots, Parteien, Sabine Altena