Die Liedzeile „Shot through the heart and your to blame“ kennt jeder. Mit dem Hit „You Give Love a Bad Name“ begründete Bon Jovi ihren weltweiten Ruhm. Dabei ist der Stadionhit eigentlich nur eine Art Zweitverwertung von Bonnie Tylers „If You Were a Woman„. Solche interessanten Fakten stehen in Alexander Gernandts neuem Buch „Bon Jovi – Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Was vom Bandleader Jon Bon Jovi kommunikativ zu lernen ist, erfährt Clap bei einem Interview mit Gernandt.

Sie beschäftigen sich bereits zum zweiten Mal in einem Buch mit Jon Bon Jovi. Warum ist der US-Rockstar so interessant für Sie? Auf großer Welttournee ist er ja gerade nicht.
Gernandt: Im Gegenteil: Es ist ihm gute Besserung zu wünschen! Denn Jon ist zurzeit trotz Zweifach-Impfung an Covid-19 erkrankt und musste einige Solo-Auftritte in den USA absagen. Eine Welttournee wird es geben, sobald es die Situation wieder zulässt. Ich begleite JBJ und die Band mittlerweile seit über 30 Jahren, habe unzählige Interviews geführt. Da gibt es einige Anekdoten, die ich für erzählenswert hielt. Das Buchkonzept, das auch Best-Of-Listen, wissenswerte Facts, eine Karriere-Timeline und ein Quiz für Kenner enthält, stammt vom Klartext Verlag. Das Bon Jovi-Buch erscheint dort in der Serie “Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten…“ und versucht sich einzureihen neben illustre Themen wie den FC Bayern, die Rolling Stones, Bergbau, Ruhrgebiet, Weimar, Goethe und Mozart… 
 
„You Give Love A Bad Name“ war der Durchbruch für die Band Bon Jovi, schreiben Sie. Zu ihren interessanten Fakten jedenfalls gehört, dass der Hit gar nicht von Bon Jovi, sondern so eine Art Derivat eines Bonnie-Tyler-Songs ist. Hätten sich Bon Jovi mit Ihren Songwriter-Qualitäten ihrer Meinung nach auch durchgesetzt, wenn Sie das Lied nicht gecovered hätten? Setzt sich Qualität am Ende immer durch?
Gernandt:Dass Jon Bon Jovi und sein langjähriger Partner, Gitarrist Richie Sambora, Songs schreiben können, haben sie bewiesen. Auch bei “You Give Love A Bad Name“ wirken sie ja mit. Aber nachdem das zweite Album “7800 Fahrenheit“ nicht sonderlich erfolgreich war, legte die Plattenfirma Jon nahe, einen außenstehenden Songwriter miteinzubeziehen. Jon war clever genug, dies zuzulassen. Es handelte sich um Desmond Child, der zuvor für KISS “I Was Made For loving You“ komponiert hatte und später Hits für Aerosmith, Cher und Alice Cooper schrieb. “You Give Love A Bad Name“ war in erster Linie sein Song, eine Art Neuversion seiner Nummer “If You Were A Woman (And I Was A Man)“, die er für Bonnie Tyler geschrieben hatte und die kein Hit wurde. Desmond war aber so sehr von dem Lied überzeugt, dass er es etwas modifizierte – und schließlich zusammen mit Bon Jovi zum Welthit machte.
 
In ihrem Buch steht, dass der Erfolgshit „It’s my life“ die Grenze von einer Milliarde Klicks bei Youtube überschritten hat. Eine Ausnahme. In den Streamingdiensten ist Rock nicht sonderlich gefragt. Selbst mittelmäßige Songs aus anderen Musikgenres erreichen das mittlerweile. Wie erklären Sie sich das?
Gernandt: Rock wird – im Gegensatz zu “hippen“ Genres wie HipHop oder Elektro – nach wie vor auch gern via Vinyl oder gar good old CD konsumiert. Rockfans legen sich eine eigene Musik-Sammlung an, wollen diesbezüglich unabhängig sein und sind daher nicht unbedingt angewiesen auf Streamingdienste. Die Haptik, das Auf- oder Einlegen spielt noch eine große Rolle, genau wie etwa das Artwork einer Platte. Man identifiziert sich ein Stück weit über die Plattensammlung und die Zugehörigkeit zur Szene, auch wenn das für manche heute altmodisch klingen mag. Die Rockfans sind ihren favorite Acts noch treu. Wer in den Achtzigern Iron-Maiden-, Metallica- oder AC/DC-Fan war oder in den frühen Neunzigern Pearl-Jam-Supporter, der ist es meist heute noch. Darauf können sich aktuelle Rapartists, mit wenigen Ausnahmen, nicht verlassen. Das Verfallsdatum ist hier deutlich kürzer. Ich denke, um Rock muss man sich keine Sorgen machen. Und Totgesagte leben bekanntlich länger, um mal das Klischeezitat zu bemühen.
 
Die Medienszene bringt immer weniger interessante Köpfe hervor. Brauchen wir in der Branche eigentlich wieder mehr Rock’n’Roll?
Gernandt: Rock’n’Roll ist prinzipiell klasse, aber sicher nicht die Lösung aller Probleme. Auch nicht in der Medienszene. Rock’n’Roll kann im übrigen viel bedeuten und für jeden sicher etwas anderes.
 
Sie kennen Bandleader Jon Bon Jovi von vielen Treffen. Glauben Sie, er versteht viel von journalistischer Arbeit? Ist er ein Kommunikationsexperte?
Gernandt: Jon Bon Jovi ist ein großer Kommunikator, was man vom Frontmann einer Stadion-Rockband ja auch erwarten kann. Wer ihn mal bei Konzerten auf der Bühne erlebt hat, egal ob in Stadion oder Club, wird das bestätigen. Ich habe ihn bei den unzähligen Interviews als interessierten, neugierigen, offenen Gesprächspartner erlebt, der keiner Frage ausweicht und der ziemlich genau weiss, was er mitteilen will. Überraschend finde ich, wie er sich vom Hair-Metal-König in puncto Business zum Multiunternehmer entwickelt hat. Mitterweile wird sein Vermögen auf 410 Mio. USD geschätzt, damit hat er sein Vorbild Mick Jagger, im “Nebenjob“ auch Produzent und Investor, überholt, der auf 360 Mio. geschätzt wird. Obendrein zeigt Jon auch großes soziales Engagement und hilft mit seiner “Jon Bon Jovi Soul Foundation“ Bedürftigen. Chapeau. 
 
Von Bon Jovi zu Abba. Für die Musikbranche sicherlich das Comeback des Jahres. Das Video mit den Avataren (hier: “Abbataren“) kennt mittlerweile jeder. Aber kommt deren Rückkehr nicht ein wenig spät?
Gernandt: Für Abba ist es nie zu spät. Was sie geschaffen haben, ist absolut zeitlos, ein unverzichtbares Stück Popgeschichte. Und das wissen Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid sehr wohl. Ich kenne gestandene Metal-Fans, die bei Abba-Songs feuchte Augen kriegen. Und dass Björn und Benny als musikalische Leiter des Unternehmens mit ihrem Vermächtnis behutsam umgehen, ist verständlich, ebenso, dass sie jetzt mit Avataren experimentieren und sich schon jetzt in ihrer Best-Version für die Nachwelt konservieren.
 
Alexander Gernandt kennt alle Rock- und Popgrößen unter anderen aus seiner früheren Tätigkeit als „Bravo“-Chefredakteur. Heute schreibt er unter anderem regelmäßig für Spiegel.de, ist Experte für Fernsehen und Musik in Dokus oder bei ARD Brisant. Als Printunternehmer ist er bei der Zeitschrift „Rize“ engagiert.
 
 
Foto: Privat, Verlag