Wer einen Krieg durch Marketing, PR und Kommunikation-Maßnahmen für sich und die Marke verlängert, hat die Kontrolle über seine Agentur und sich selbst verloren, sagt unser Gastautor Mike Kleiß, Gründer und CEO von Goodwillrun.

Die Frage, ob der Edeka-Post in den sozialen Netzwerken nur ein Sturm im Wasserglas innerhalb der sozialen Netzwerke ist, kann man schon jetzt klar beantworten: Nein! Denn längst ist die „Haltungs-Kampagne“ der Lebensmittel-Kette in den klassischen Medien angekommen. Auf Gelb und Blau steht der Satz: „Freiheit ist ein Lebensmittel“, angelehnt an den Edeka Slogan „Wir lieben Lebensmittel“.

Die betreuende Agentur Jung von Matt hatte da augenscheinlich eine „super Idee“. Man kann man sich vorstellen, wie das ungefähr abgelaufen ist. Schnell hat der Account-Direktor ins Team gerufen: „Hey, lasst uns doch mal was richtig Verrücktes mit Wumms machen. In der Ukraine brennt´s jetzt richtig, unser Kunde Edeka braucht per se dringend mehr Grip, Haltung uns sowas. Denkt mal vom Slogan her weiter, und baut ne Brücke zum Krieg, anti Russland natürlich. Muss schnell gehen, bevor das wieder aufhört da!“.

Und Zack, eine Stunde später präsentierte man das Ergebnis, natürlich mit viel Werber-Magic!. „In the heat of the Moment“ waren die Edeka Entscheider derart on fire, dass der Post abgesendet wurde. So oder so ähnlich muss es wohl gewesen sein. Aus der Hektik heraus, ohne den Kopf einzuschalten, einfach mal machen. Hoffentlich! Ist das alles bei klarem Verstand „On Air“ gegangen, hat sich der Konzern endgültig entzaubert. Dann frisst Gier schlicht Hirn. Wer den hervorragenden JvM-Film „Dreißig Jahre unzufrieden – die Jung von Matt Story“ von OMR gesehen hat, kann und will sich einfach nicht vorstellen, dass diese bittere Idee im Sinne von Jean Remy von Matt oder Holger Jung ist.

Beide hatten und haben sicher eines: Haltung! Und genau Haltung ist es, was Edeka mit diesem Post zeigen wollte.  Vielleicht ist auch ganz anders gewesen. Und Edeka selbst hat einen solchen Social Media Post bei Jung von Matt in Auftrag gegeben. Dann jedoch scheint ein wichtiger Satz von Jean Remy von Matt keine Bedeutung mehr zu haben, dann hätte JvM die Haltung verloren. Sein Satz „Es hängt letzten Endes vom Rückgrat der Agentur ab, inwieweit man sich auch unsinnigen Wünschen des Kunden beugt“ wäre dann nur noch Schall&Rauch.

Bevor noch weitere Unternehmen auf die kommen, den ersten Krieg in Europa seit 1939 für Marketingzwecke zu missbrauchen: Nein, wir brauchen keinen True Fruits-Ukraine-Smoothy, wir brauchen keinen Sixt Mietwagen, den sich Putin für die Weiterfahrt durch Europa leiht. Wie wäre es mit einer ganz verwegenen Idee: Alle Unternehmen, die gerade in diesem Moment mit ihren Agenturen witzige Ideen für Social Media Posts entwickeln, die Budgets schon klargemacht haben, alles schon der Media-Agentur in Auftrag gegeben haben, wartet doch mal eine Sekunde!

Verzichtet einfach auf den PR-Scoop! Verzichtet auf den ganzen Marketing-Fame, und schützt Euch und Eure Marken vor dem Shitstorm. Nehmt das ganze Geld und investiert es dort, wo gerade Menschen Hilfe benötigen. In der Ukraine. Helft denen damit, die seit gestern unfassbares Leid erfahren und ertragen müssen. Sorgt dafür, das nirgendwo Euer Logo klebt, macht das alles doch einfach in aller Stille und Demut. Das wäre dann in der Tat Haltung.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wegen dieses Totalausfalls schäme ich mich seit gestern, selbst Teil dieser Werber-Welt zu sein. Ich will gar keinen Hehl daraus machen, dass Jean Remy von Matt und Holger Jung unter anderen dafür verantwortlich sind, dass ich meine eigene Agentur gegründet habe. Mit Edeka bin ich aufgewachsen. Ich kann und will einfach nicht glauben, dass ich über Jahre hinweg Brands gefeiert habe, die vor lauter Gier das Hirn gerne ausschalten. Die derart wenig Empathie und Feingefühl zeigen.

Eines noch: „Wer die Welt mit Werbung verbessern will, wird schnell an Grenzen stoßen.“ (Jean Remy von Matt)

Foto: Screenshot, Gowillrun