Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine sind bereits fünf Journalistinnen und Journalisten bei Kämpfen getötet worden. Extreme Bedingungen für die Reporter. Seit etlichen Tagen ist überraschend auch die Chefmoderatorin vom Nachrichtensender Welt, Tatjana Ohm, unter die Kriegsberichterstatter vor Ort gegangen. Warum sie sich der Gefahr aussetzt, haben wir sie in einem Interview gefragt.

Frau Ohm, Sie gehören seit letztem Jahr zur Welt-Chefredaktion, zudem sind Sie Chefmoderatorin. Als Außenreporterin sind Sie bislang selten in Erscheinung getreten. Warum war es für Sie ein Bedürfnis, aus der Ukraine zu berichten?

Ohm: Auch wenn ich in den letzten Jahren vor allem im Studio gearbeitet habe, meine journalistischen Wurzeln liegen in der Tätigkeit als Reporterin. Meine Karriere begann ja als Kriegsberichterstatterin aus Bosnien-Herzegowina. Nun, fast genau 30 Jahre später, haben wir unglaublicherweise wieder einen Angriffskrieg auf europäischem Boden. Der Angriff auf die Ukraine wird geopolitisch vieles verändern, es ist history in the making. Direkt vor Ort darüber zu berichten, ist Verantwortung und Herausforderung zugleich. 

Gab es für Sie in Lwiw, von dort berichten sie hauptsächlich, bereits knifflige Situationen oder vielleicht ein Unsicherheitsgefühl, wenn Sie durch die Straßen gegangen sind?

Ohm: Nein, bislang noch nicht. Ja, es hat erste Angriffe gegeben, fast jeden Tag mehrmals Luftalarm. Aber bisher hatte ich noch kein echtes Unbehagen oder Unsicherheit. Ich glaube, all die Erfahrung aus vergangenen Krisen und Kriegen geben einem doch ein gewisses Rüstzeug mit. Womit ich allerdings in der Tat nicht gerechnet habe, ist die Schönheit Lvivs…eine unglaubliche Stadt mit unglaublich starken, mitfühlenden Menschen. 

Wie gestaltet sich die Anfahrt von Berlin aus in die Ukraine? Kommt man da eigentlich ohne größere Schwierigkeiten noch hin?

Ohm: Ich bin mit dem Zug von Berlin bis nach Przemysl, also an die polnisch-ukrainische Grenze, durchgefahren. Dann mit dem Auto weiter. Ja, man kommt noch ohne Probleme über die Grenzen ins Land hinein. 

Journalisten leben sehr gefährlich in der Ukraine. Das haben die letzten Wochen gezeigt, das Schicksal der regimekritischen russischen Journalistin Oxana Baulina ist allen bekannt. Ihr Kollege Alfred Hackensberger berichtete sogar über russische GPS-Peilsender an Autos in Kiew. Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es? Wie haben Sie sich persönlich vorbereitet?

Ohm: Bei Axel Springer darf kein Kollege, keine Kollegin in ein Kriegsgebiet ohne vorher ein entsprechendes Sicherheitstraining absolviert zu haben. Das habe ich auch getan. Darüber hinaus haben wir unsere persönliche Sicherheitsausrüstung (Weste und Helm). Und, ganz wichtig, einfach stets wirklich aufmerksam sein, die Umgebung im Auge behalten und den Ansagen folgen, wenn es zum Beispiel Luftalarm gibt. 

Ein Journalist ist der Neutralität verpflichtet. Würden Sie sich dennoch wünschen, in den Konflikt positiv eingreifen zu können, wenn Sie umgebend sind von so vielen dramatischen Schicksalen?

Ohm: Als Mensch kann ich da nur sagen: natürlich wünscht man sich die Superkraft, die das Leiden beendet und Vernunft und Frieden in kriegsumnebelte Hirne bringt. Als Journalistin versuche ich eine professionelle Distanz zu wahren, aber ganz ehrlich, angesichts von so viel Leid, Trauer und Schmerz, ist das manchmal sehr, sehr, sehr schwer.  Dann muss man abends, wenn man allein ist oder im Kreis des Teams, diesen eigenen Schmerz und das Mitgefühl auch zulassen. 

Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie mit Russland? Gab es schon mal eine Begegnung mit Putin, Abramowitsch oder einem anderen bekannten Protagonisten?

Ohm: Mit einem konkreten journalistischen Auftrag war ich noch nicht in Russland. Putin, Lawrow oder auch einem der Oligarchen bin ich nie begegnet. Schade, ich hätte einige Fragen, gerade an die beiden Erstgenannten…

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem Welt TV-Kollegen Steffen Schwarzkopf, der ja als Reporter wieder nach Kiew zurückgekehrt ist? Gibt es auch einen Austausch mit den Journalisten von konkurrierenden Sendern?

Ohm: Also Steffen und ich haben uns gerade erst hier in Lviv gesehen, bevor er weiter nach Kyiv gefahren ist. Wir sprechen oder chatten jeden Tag mehrmals. Was im Fernsehen ja nie zu sehen ist: solch eine Berichterstattung ist Teamwork. Vor allem das Producing zuhause in Berlin sorgt dafür, dass alles seinen Gang geht und wir mit allem versorgt werden, was wir brauchen. Und so startet jeder Tag mit einem freundlichen „Guten Morgen in die Ukraine, wie geht es Euch“ in unserer Ukraine-WhatsApp-Gruppe. Und dann beginnt der Austausch. Auch mit dem Kollegen Michael Wüllenweber, der ja in Odessa ist und dem Kollegen Hackensberger ist ein steter Kontakt da. Und wo immer man anderen Teams begegnet, sprechen wir über die aktuelle Lage. Und, natürlich, sollte Steffen Unterstützung brauchen in der Hauptstadt, bin ich gerne bereit, dorthin zu fahren. 

T-Online-Chefredakteur Florian Harms spekulierte in seinem Morgen-Newsletter zuletzt darüber, dass das öffentliche Interesse an der Ukraine schon bald erlahmen könnte. Das sei „zynisch, aber auch menschlich“. Ist das auch Ihre Meinung? Wie wird sich die Berichterstattung in den kommenden Wochen in den Medien ändern?

Ohm: Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass das Interesse so schnell nachlassen wird. Es ist eine Jahrhundert-Geschichte, die in unterschiedlicher Weise auch unsere Leben in Deutschland betrifft. Insofern denke ich, dass die Menschen in vielen Teilen der Welt weiter mit Sorge und auch großer Bewunderung auf den Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer schauen werden. Unsere Aufgabe als Journalisten vor Ort ist, so akkurat wie nur möglich darüber zu berichten. 

Interview: Daniel Häuser

Foto: Welt TV