Klar, digital ist in. Da ist es wohl legitim zuzugreifen, wenn so eine Web-Company auf dem Markt, aber im Unternehmen noch keine direkte Verwendung dafür vorgesehen ist. Wie zum Beispiel beim von Burda vor Jahren gekauften Video-Portal Sevenload. Von Anfang an war keine so rechte Strategie zu erkennen, wie der Verlag die Bewegtbilder zum Laufen bringen möchte. Unsere Abonnenten waren im Vorteil, bereits vor über einem Jahr machte das gedruckte Clap-Magazin auf das verwaiste Portal aufmerksam. In dieser Woche kam der Big Bang, als sich der enttäuschte Gründer via Facebook zu Wort meldete. Aus diesem Anlass stellen wir die Geschichte aus unserem Heft 44 nun online:

Finanziell dürften viele Web-Protagonisten nach dem Verkauf an deutsche Medienunternehmen ausgesorgt haben. Einige haben aber sicher nicht schlecht gestaunt, wie rasant es nach ihrem Exit abwärts ging. Den Medien-Companys fehlte es scheinbar an Ideen, die teuer erworbenen Start-ups weiterzuführen. Zu spät wurde erkannt, dass die keine Selbstläufer sind.

Dariani

Als wir Ehssan Dariani an einem kalten Januartag vor vier Jahren in München trafen, war von Katerstimmung keine Spur. Ob er denn sein Baby StudiVZ beim Holtzbrinck-Verlag in guten Händen sehe, wollten wir wissen. Selbstverständlich war er zuversichtlich, dass es auch ohne ihn gut laufe. Dann kam der Absturz. Keine Ahnung, auf welcher karibischen Insel sich Dariani gerade befindet. Aber selbst von dort aus kann das Ganze nur als hundsmiserabel bezeichnet werden. StudiVZ ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Profildatenfriedhof. „Das endgültige Aus von StudiVZ und MeinVZ dürfte nur eine Frage der Zeit sein“, ätzte „Bild“ vor einigen Wochen. Beim StudiVZ- Partnernetzwerk VZ, dem einstmals größten Netzwerk für Schüler und Jugendliche, gingen die Lichter bereits am 30. April aus. Alle Nutzerdaten wurden sang- und klanglos gelöscht.

Die RTL-Gruppe hat es nach dem Einkauf des Wer-kennt-wen- Netzwerks nicht besser gemacht. Nach dem Ausstieg des Gründers Fabian Jager vor einigen Jahren ging es ohne Gegenwehr erst so richtig bergab. Die Seite hatte im Januar 2010 noch 186,5 Millionen Seitenbesuche, ermittelte die IVW. Im Januar 2013 waren es gar nur noch 40 Millionen. Die Mehrheit der offiziell gut neun Millionen Profile wird aber nicht mehr genutzt. Eine Umkehrung der Lage ist kaum vorstellbar. Zumindest sind Wiederbelebungsmaßnahmen seitens RTL nicht zu erkennen. Zu keinem Zeitpunkt wollten oder konnten die Kölner die riesige Anzahl von Nutzern für sich ausnutzen. Hippe Partnerschaften mit den Sendern gab es nie.

Auf die Bühne gezerrt

Jaeger

Als es noch gut lief, durfte der junge Internet-Pionier Fabian Jager, der einst die Website in der Mensa aus der Taufe gehoben hatte, auf stolze Erwähnung bei den einschlägigen RTLund IP-Deutschland-Events vertrauen. Und wie selbstverständlich wurde er mit auf die Bühne gezerrt, etwa bei IP on Tour. Es gab der Veranstaltung so einen coolen Facebook-mäßigen Anstrich. Rückblickend betrachtet, hat Jager immerhin einen finanziell lohnenswerten Ausstieg noch rechtzeitig erwischt.

Ebenso geschafft hatte das Wunder-Media-Chef Armin Nusser. Aber auch er dürfte sich die Augen gerieben haben: ProSiebenSat. 1 sicherte sich im Juni 2008 zwar medienwirksam die Anteile am Frauennetzwerk Fem.com. Und schien dort große Perspektiven zu haben. Geplant war angeblich, den heutigen erfolgreichen Frauensender Sixx auch Fem zu nennen. Aber letztlich sprachen sich ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling und Senderchefin Katja Hofem für den angeblich besser klingenden Namen Sixx aus. Wenn der Kauf tatsächlich nur für den Frauensender geplant war – eine teure Luftnummer. Und Glück für Nusser, dass die Senderchefs nicht früher nachgedacht haben. Ob Fem.com bei ProSiebenSat.1 noch Chancen auf Weiterentwicklung hat, darf angezweifelt werden. Ebenfalls an die Unterföhringer Sendergruppe ging bekanntlich Lokalisten.de. Das Portal war einige Jahre absolut in, gerade im süddeutschen Raum kam es en vogue daher, Lokalist zu sein. Nun dümpelt das Ganze vor sich hin, wird höchstens noch als Partnerbörse missbraucht.

Nusser

Und was ist eigentlich aus Sevenload geworden? Ibrahim Evsan, als Ibo bekannt, pflegte jahrelang engsten Kontakt zu Verleger Hubert Burda. Dem scheint der Spaß an seinem Erwerb aber sichtlich abhandengekommen zu sein. Enthusiasmus ist nun einige Jahre nach den Kauf nicht mehr zu spüren. Dabei wäre doch eine Bewegtbildstrategie eines Großverlags so spannend gewesen. Hätte ein Sevenload nicht wenigstens beim Burda-Tochterunternehmen Tomorrow Focus Platz? Doch Chef Christoph Schuh hat sich dazu zuletzt nicht ernsthaft geäußert. Die Plattform wirkt mittlerweile wie ausgestorben. Eingestellte Videos, die Clap vor Jahren gemacht hatte, waren nicht mehr auffindbar. Will Burda Sevenload sang- und klanglos untergehen lassen? Gerade dieser Printverlag, der sich beim Internet-Forum DLD immer so nah mit den erfolgreichen Start-up-Unternehmern umgibt? Wir suchen weiter – nach Videos und Antworten.

Evsan

Vor allem, wenn Start-ups an ein Unternehmen aus der Medienbranche geht, muss man als Beobachter wohl die Luft anhalten und alle Daumen drücken. Und es sollte Schiebesonne und Rückenwind geben. Denn auf Ideen, was man alles Tolles mit den Millionen Nutzern anstellen könnte, kommen die Medienunternehmen anscheinend nicht zwangsläufig. Dabei ist die Bindung von Menschenmassen durch Inhalte doch gerade ihr Kerngebiet. Aber in dieser Richtung wird selten ausreichend unternommen.

Selbstverständlich gibt es auch eine Menge positive Beispiele. Tolle Aussichten scheint es beispielsweise für MyVideo zu geben. ProSiebenSat.1 hatte die Idee, aus der Bewegtbildplattform nicht weniger als den fünften Fernsehsender in der Gruppe zu machen. Und auch Tomorrow Focus kann sich mit etlichen erfolgreichen Einkäufen rühmen. Doch es hätte mehr kreative Einfälle in den Medien-Companys geben dürfen. (Daniel Häuser)

Fotos: Alexander von Spreti