Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe. Michael Kneissler schreibt regelmäßig über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Heute: Der Michael Graeter.

Der Graeter Michi ist ein würdiger Kandidat für unsere Zuneigung, weil er niemals aufgibt. Jetzt will er auf seine alten Tage noch einmal den Giftschrank öffnen und damit ein Boulevard-Blättchen füllen, welches er „München Express“ nennt. Das ist natürlich eine absolute Schnapsidee und niemand sollte sich wundern, dass sie ausgerechnet zum Fasching ans Licht der Öffentlichkeit kam.

Andererseits hat es einen gewissen Charme, dass der Michi seine Dossiers mit den echten und erfundenen außerehelichen Abenteuern der Münchner Schickeria und dem VIP-Gschwerl von anderswo noch mal aufmacht, bevor der letzte saft- und kraftlose Rest endgültig ins Heim oder gleich auf den Friedhof ausgelagert wird.

Der Graeter Michi selbst ist mit 75 auch nicht mehr der jüngste, aber an seiner Virilität lässt er keine Zweifel zu, da kann er fuchsig werden wie früher. Nach wie vor ist er ein ausgebuffter Charmeur sowie Meister der zweideutigen Blicke, schlüpfrigen Witze und gender-politisch absolut inkorrekten Gags. Trotzdem ist man ihm niemals richtig böse, weil er so schön erzählen kann. Von dem Potentaten im Orient, der gern mal einer Ziege hinterrücks näher kam, allerdings musste diese aus olfaktorischen und anderen Gründen rosarot gepudert sein. Grenzwertig auch die Geschichte von dem hochrangigen CSU-Politiker, der sich gern in der Waschküche von einer Domina (schlecht) behandeln ließ. Ob die Story stimmt oder nicht, werden wir kaum erfahren, Graeter hat sie niemals öffentlich aufgeschrieben. Sie liegt vielleicht im Giftschrank und der Protagonist schon längst im Grab. Die Dame mit der Peitsche allerdings gab es wirklich. Ich hab sie selbst gesehen. Sie besuchte Graeter damals in der Redaktion der Abendzeitung, das Arbeitsgerät diskret in einer Plastiktüte verpackt, nur ein paar Lederriemen ragten heraus. Die Stiefel allerdings reichten weniger diskret bis weit über die Knie. Als ich aus der Setzerei zurückkam, hantierte sie unter Graeters Schreibtisch herum. Angeblich hatte sie dort etwas verloren. Aber was?

Das ist die Art von Stories, die Graeter liebt. Nicht so gern redet er über seine Ausflüge ins Unternehmertum: das Café Extrablatt, die Kinos. Die Pleite. Der Knast (wegen Insolvenzverschleppung). Als er wieder rauskam, besann er sich auf seinen USP: Geschichten erzählen. Schade, dass ihm langsam der Stoff auszugehen scheint. Auf seiner Internet-Klatschseite michaelgraeter.de gibt es nur noch alle paar Wochen eine müde Story. Aber vielleicht spart er sich die richtigen Knüller für den „München Express“ auf.

Das wäre dann echt ein Hammer.

 

Foto: Alexander von Spreti