Es ist Wahlkampf. Und so wurde die diesjährige Bilanz-PK der SPD-Medienholding ddvg am Hamburger Verlagsstandort zu weit mehr als einer solchen. Getrieben von schlechten Umfragewerten für die Sozis und angesichts eines Kanzlerkandidaten, der hoffnungslos hinter der Amtsinhaberin liegt, nutzten die Verantwortlichen die Zahlenbeschau, um kräftig Parteipolitik zu betreiben. Eine gut aufgelegte SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks setzte beherzt ein paar feine Spitzen gegen Angela Merkel – der von Hendricks routiniert abgespulte ddvg-Lagebericht geriet da beinahe zur Nebensache.

So habe die Kanzlerin „auch im Bereich der Netzpolitik kläglich versagt“, was nicht überraschen könne, wenn ihr die digitale Welt als „Neuland“ erscheine. Merkel hatte Mitte der Woche geäußert, das Internet sei „für uns alle Neuland“. Dann verwies Hendricks auf das aktuelle SPD-Wahlprogramm, zitierte Willy Brandt und lobte Peer Steinbrück. Da wollte auch ddvg-Geschäftsführer Jens Berendsen nicht nachstehen, der sich zunächst norddeutsch nüchtern und letztlich erfolglos mühte, die Malaisse seines Hauses (2012: 14 Millionen Euro Miese) schönzureden, bevor er auf Angriff umschaltete. Vor knapp zwei Dutzend Journalisten entwarf Berendsen eine Medien-Agenda, die jeden Sozen erschaudern lassen muss: Gehalt für junge Journalisten kürzen, Urlaubstage streichen, geltendes Arbeitnehmerrecht nach Konjunktur und Kassenlage anwenden. Nur so habe die Branche – und wohl vor allem die ddvg – eine Zukunft, jammerte Berendsen.

Letzteres stellten die anwesenden Kollegen grundsätzlich in Frage. Ob es denn für die Partei nicht Zeit wäre, sich endlich von diesem so zweifelhaften wie aussichtslosen Business zu verabschieden, wollte ein Medienvertreter wissen. Fast belustigt konterte SPD-Schätzchen Hendricks, wie das funktionieren solle, angesichts der prekären Marktlage, düsterer Aussichten, strengem Kartellrecht und anderer unangenehmer Begleiterscheinungen. Hendricks: „Soll es uns gehen wie Griechenland? Zwangsweise alles privatisieren und dafür nichts bekommen? So blöd kann man doch nicht sein!“ Sprachs und grinste. (bp)