Es gibt wesentlich schlechtere Geschenkideen, auf die man zu einem 70. Geburtstag kommen könnte. Thomas Gottschalk darf sich wohl über ein wahrlich einzigartiges Präsent zu seinem persönlichen, runden Jubiläum freuen. Und mit ihm voraussichtlich Millionen Deutsche, die sich beglückt und in Gedanken an unzählige Samstagabende vor dem Bildschirm versammeln werden. Denn er darf nochmals „Wetten, dass..?“ moderieren. Einmalig. Angeblich…

Kaum wurde das erneute Revival von „Wetten, dass..?“ anlässlich des Wiegenfestes der Moderations-Legende Gottschalk bekannt, begannen sich neben den freudigen Kommentaren alteingesessener Fans auch kritische Stimmen Gehör zu verschaffen. Ist diese Show noch zeitgemäß? Hat man sie nicht schon im Dezember 2014 vermeintlich endgültig beendet? Wie oft soll dieses Show-Konzept noch über die Mattscheibe flimmern?

Eine typische Reaktion unserer Gesellschaft. Die Vorfreude direkt zunichte machen, anstatt einfach noch einmal Spaß zu haben, ein ikonisches Show-Format zu würdigen und ihm möglicherweise nun wirklich einen endgültigen Abschied zu bereiten. „Wetten, dass..?“ ist unumstritten der Rockstar unter den Samstagabend Shows. Auch wenn das Format im Laufe der Zeit in seiner Präsentationsform in die Jahre gekommen sein mag. Unzählige Menschen verbinden mit diesem Rockstar heimelige Erinnerungen und werden mit Sicherheit die finale Show einschalten.

Auch ich zähle zur Generation „Wetten, dass..?“. Als Kind und Jugendlicher war dieses Format DAS familiär zelebrierte TV-Highlight. Wie jeder in meinem Alter schaute ich die Sendungen damals zusammen mit meinen Eltern. Frisch gebadet, bestenfalls schon bettfein und aufgeregt, saßen wir allerspätestens um 20:10 Uhr vor dem Fernseher. Mit Salzstangen und Chips folgten wir dem Geschehen.

Der Abend verlief immer gleich: Ich wartete sehnsüchtig auf die Auftritte der angesagtesten Pop-Stars und mein Vater regte sich dann über die Musik, die in seinen Ohren natürlich keine richtige Musik war, auf. Jedes Mal endete dies in einer Diskussion. Über Herbert Grönemeyer, „der ja gar nicht singen kann…“, über Culture Club, Trio bis hin zu den Songs von BAP. Später, selbst nun Vater, setzte ich diese Tradition mit meiner Tochter fort. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass wir uns nun gemeinsam auf die Musik-Acts freuten und wir bei den dann ebenfalls unverzichtbaren Salzstangen nur selten ein Streitgespräch über die Qualität der Darbietungen führen mussten.

Und natürlich habe auch ich mir den Kopf zerbrochen, mit welcher Wette ich selbst antreten könnte. Den Drang, dabei sein zu wollen, habe ich deutlich verspürt. Einen inneren Bruch erlebte ich – wie viele andere auch – als sich die ersten Wetten als Fake herausstellten. Fortan fragte ich mich immer häufiger, wie die Kandidaten tricksten, statt mich daran zu erfreuen, was sie Großartiges leisteten. Die einstige, unbeschwerte, spielerische Freude von „Wetten, dass..?“ ging verloren. Und doch blieb die Fernsehnation dran. Um nichts zu verpassen und um montags im Job und auf dem Schulhof mitreden zu können.

Diese besonderen, ja schon prägenden Familien-Fernseh-Abende gibt es heute nicht mehr. Heute schaut man vieles On-Demand, das heißt, der Fernsehabend beginnt, wenn alle bereit sind und nicht die Uhrzeit den Start des Programms vorgibt. Dementsprechend wird das ausgewählte Format auch jedes Mal unterbrochen, wenn es einen scheinbar wichtigen Grund gibt. Aber warum eigentlich? Ist die Art der Show tot oder sind nur die TV-Gewohnheiten verändert? Ist das Konstrukt Familie auch beim TV-Konsum nicht einfach nur im digitalen Zeitalter angekommen oder braucht man bei heute jederzeit verfügbaren Programminhalten solche zeitlich explizit vorgegebenen Familienabende vor dem Fernsehschirm gar nicht mehr?

Eins ist für mich dennoch gewiss: An einem Samstagabend im Mai 2020 werde ich Salzstangen bereitstellen und mich live vor den TV zur Neuauflage von „Wetten, dass..?“ setzen. Um in alten Erinnerungen zu schwelgen, um abzuschalten, um mich unterhalten zu lassen. Noch einmal, so wie früher. Und mir im Zweifel sogar nochmals die alten Bands anschauen, die wegen mir schon ihren zehnten Auftritt in diesem Format abliefern.

Warum? Weil ich auch heute den einzigartigen Live-Moment erleben will. Weil ich nicht diese Magie verpassen möchte, die nur das lineare TV zu schenken vermag. Dieses aufregende Gefühl, das mich als Kind packte und letztendlich zu meiner heutigen Arbeit mitten in den Kulissen des Fernsehens führte. Das kann kein Demand-Angebot. Und das können auch nur wenige Moderatoren. Thomas Gottschalk schon. Wer guckt mit?

Stefan Hoff ist Geschäftsführer des technischen Dienstleisters Nobeo TV und Vorstandsvorsitzender des TV-Verbands VTFF. Er schreibt regelmäßig für Clap.