Drama bei Condé Nast: 19 Stellen weg. „Vogue“, „GQ“ und „Glamour“ ändern die Erscheinungsweise. Ein schwerer Schlag für den einst so stolzen Verlag. Printprodukte von CN sind am Kiosk künftig eine recht seltene Erscheinung.

Gestern vormittag um 9 Uhr am Oskar-von-Miller-Ring, dem Headquarter von Condé Nast Deutschland: kurzfristiges Town Hall-Meeting bei Condé Nast. Jessica Peppel-Schulz, die unorthodoxe Verlagschefin, muss einschneidende, noch nie dagewesene Einsparungen beim Verlag verkünden. Doch persönlich konnte sie den wenigsten Mitarbeitern berichten, wer von den Kündigungen betroffen ist. 

Wegen Home Office und Kurzarbeit sollten diese innerhalb einer Stunde per Mail erfahren, wer von einer Freistellung betroffen ist. Zu einem persönlichen Treffen mit den Betroffenen oder einem Zoom-Call soll es deswegen noch kommen, versichert Condé Nast. Oder ist es bereits gekommen. Das Vorgehen bedeutete dennoch: Hoffen und Bangen vor dem Rechner, ob eine Mail mit schlechten Nachrichten eintrifft oder nicht. Getroffen hat es am Ende viele erfahrene Leute aus der Produktion: beispielsweise Photo-Director Björn Schutrumpf, Style-Editor Clark Parkin oder Grafiker Mathias Leidgschwendner.

Clap hatte exklusiv in den vergangenen Wochen über die schwierige Situation bei Condé Nast berichtet. Der Einsatz der Unternehmensberatungen Kienbaum Sasserath plus im Inland  und McKinsey für das internationale Geschäft ließ nichts Gutes erwarten. Vor kurzem wurden die Heftauflagen für alle Conde Nast-Deutschland-Produkte dramatisch eingedampft. Wohl eine Vorbereitung für die nun herbei geführte strategische Richtungsänderung: Print-Rückzug.

Das neue Geschäftsjahr beginnt für Conde Nast Anfang September. Sodass es zumindest kurzfristig einen Neustart unter veränderten Rahmenbedingungen geben kann. Doch die neuen Erscheinungsfrequezen für „Vogue“, „GQ“ und „Glamour“ haben Auswirkungen auf die künftige Bedeutung des Verlags im Printgeschäft. Die nun 19 gestrichenen Stellen wirken angesichts dieser Maßnahmen noch moderat. Nicht wenige Stimmen im Mediengeschäft sagen, dass es am Anfang des neuen Jahres noch zu weiteren Veränderungen kommen könnte.

Weitgehend unbeachtet musste in den letzten Jahren vor allem das einstige Erfolgsprodukt „Glamour“ leiden. Bis zum Jahr 2008 wurde das Heft noch unter dem damaligen Verlagschef Bernd Runge aller 14 Tage ausgeliefert. Die goldenen Zeiten sind endgültig vorbei. Nach den gestern verkündeten Plänen soll die Frauenzeitschrift nur noch alle zwei Monate erscheinen. Aus fast 30 Ausgaben werden so sechs pro Jahr. Den realen „Glammy“-Event gibt es unter diesen Voraussetzungen wohl auch nicht mehr.

In den USA wurde die „Glamour“ bereits Ende 2018 eingestellt. Trotz einer damaligen Abo-Auflage von rund 2,2 Millionen Exemplaren. Die Lebensversicherung scheint für die deutsche „Glamour“ die erfolgreiche Shopping-Week zu sein. Das Heft mit der beliebten Shopping-Card kommt nächste Woche Samstag in den Handel. Das ist die Zukunft von „Glamour“: vier mal Shopping-Week, zwei Mal Beauty-Special. So kommt der Leser zu sechs Print-Ausgaben.

Verlagschefin Jessica Peppel Schulz ist seit rund anderthalb Jahren im Amt und fiel bisher durch hohe Buzzword-Dichte auf („Beautiful Growth“). Nun wäre es an der Zeit, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Vor allem, was die nun eilig versprochene Digital-Offensive angeht.

Von Condé Nast bekam Clap kurz vor Redaktionsschluss noch ein Statement zu den getroffenen Entscheidungen. Aufgrund der Relevanz bilden wir das in Gänze ab:

 

Die Pandemie hat Condé Nast Germany sehr einschneidend getroffen, der Anzeigenmarkt Print erlebt gerade im Luxus- und Lifestylegüterbereich einen starken Einbruch.

Wir rechnen bis Ende 2020 mit einem deutlich zweistelligen, prozentualen Rückgang unserer Umsätze.

Die initiierten Maßnahmen von Kostensenkungen (wie Reduktion der Produktionskosten, Doppelausgaben, Kurzarbeit, Gehaltsverzicht etc.) greifen, können die Verluste im Umsatz aber nicht kompensieren.

Der Fokus von Condé Nast Germany auf profitable Produkte und potentielle Wachstumsfelder ist deshalb essentiell. Covid-19 hat als Transformationsbeschleuniger den 5-Jahres-Plan dynamisiert, wir müssen jetzt noch schneller und konsequenter handeln. So reduzieren wir unser Produktportfolio und passen die Erscheinungsfrequenz der Titel ab 2021 an, müssen entsprechend auch mit Personalmaßnahmen agieren.

Die VOGUE wird ab 2021 acht Mal im Jahr erscheinen, GQ – Gentlemen’s Quarterly – entsprechend dem Namen – ab nächstem Jahr viermal. Glamour wird mit sechs Ausgaben pro Jahr erscheinen, die Erscheinungsfrequenz der AD bleibt wie bislang mit zehn Ausgaben pro Jahr unverändert.

Neben den genannten anderen Maßnahmen, müssen wir nun auch mit Personalmaßnahmen agieren. Betroffen sind vor allem Bereiche, in denen wir das Produktportfolio – sprich Erscheinungsfrequenzen – verändern.

Insgesamt sind 19 MitarbeiterInnen von diesen Personalmaßnahmen betroffen, von denen wir uns betriebsbedingt trennen müssen.

Alternativen gibt es aufgrund dieser aktuell verstärkten negativen Geschäftsentwicklung, aber auch der letzten Jahre, nicht. Eine signifikante Transformation liegt noch vor uns bis wir wieder wirtschaftlich erfolgreich sein können – und damit auch unserer Verantwortung gegenüber den noch rund 250 verbleibenden Mitarbeitern in Deutschland und der Zukunft des Unternehmens gerecht zu werden.

Deshalb investiert Condé Nast sowohl global als auch national in den Ausbau seiner digitalen Aktivitäten. Wir haben es geschafft innerhalb eines Jahres unsere Audience im Vergleich zum Vorjahreszeitraum über alle Marken hinweg um über 64 Prozent zu steigern und somit unsere digitale Reichweite als Basis für neue, digitale Geschäftsmodelle wie geplant schon sehr erfolgreich auszubauen.

Wir schaffen in Deutschland bis zum Jahresende so ebenfalls rund 20 neue Jobs, investieren in den erfolgreichen Auf- und Ausbau unserer neuen Creative Consultancy CNX. Zudem forcieren wir die Nutzung unseres globalen Condé Nast-Netzwerkes wie z.B. mit der Syndizierung von Content. 

 

 

(dh)

Foto: Condé Nast