Für die Titelgeschichte der zuletzt erschienenen Print-Ausgabe des „Clap“-Magazins besuchte die Redaktion in Hamburg Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Wer ist dieser Mann, der vor kurzem noch vergleichsweise unbekannt war und nun das wichtigste Nachrichtenmagazin in Deutschland leitet? Und vor allem – wie geht er mit den Indiskretionen um, die rund um den Innovationsreport die Runde machten? Ein Porträt von Bijan Peymani, das wir nun auch Nicht-Abonennten zur Verfügung stellen.

Fels in der Brandung

Beim „Spiegel“ kracht es im Gebälk. Mal wieder. Ein interner Report legt schonungslos die Schwächen des Hauses offen. Dass das Papier publik wurde, hätte manchen Chefredakteur zum Getriebenen gemacht. Klaus Brinkbäumer aber bleibt cool, delegiert das Tagesgeschäft kurzerhand an seine Vizes und geht zur Analyse in Klausur. Auch im Clap-Gespräch offenbart Brinkbäumer Souveränität und Größe. Steht der „Spiegel“ mit ihm am Wendepunkt?

Das ist schon erstaunlich, welche Kräfte und mehr noch Talente freigesetzt werden, wenn einer sich endlich beweisen darf – aus der gebotenen Distanz betrachtet wohl eher muss. Klaus Brinkbäumer jedenfalls sah für sich wohl kaum eine Wahl, als ihn damals der Ruf ereilte, den „Spiegel“-Chef zu geben. Intern mag die Entscheidung manchem zum Entsetzen, anderen zur Erheiterung gereicht haben. Brinkbäumer war ein hochdekorierter Reporter, unbestritten. Und viele Jahre Vize, klar. Aber würde er das Zeug zum Dompteur der „Spiegel“-Meute haben? Er hat. Der Ritt des Münsteraners an die Spitze ist im Rückblick ein echter Glücksfall für das Magazin. Auch wenn die Personalie die Androkratie beim „Spiegel“ zementierte – die letzte Bastion, die dem autoaggressiven Angriff auf den eigenen Glanz standhielt, so beendete sie doch die Ära egomaner oder zumindest blasierter Chefredakteure im Haus. Brinkbäumer führt leise, beinahe unauffällig. Auch in diesen Tagen, da der „Spiegel“ durch eine gezielte Indiskretion öffentlich in Verlegenheit gerät, bleibt der 49-Jährige souverän. Ortstermin im Verlagsdomizil an der Hamburger Ericusspitze. Hier, im Gebäudekomplex auf einem Filetgrundstück in der Hafencity, versammeln sich Hunderte Mitarbeiter auf 13 Etagen hinter Glas und Stahl. Bereits das turmhohe, von Brücken und Treppen durchzogene Atrium mit der lärmenden Stille einer Kathedrale nötigt beim Betreten derart viel Respekt ab, dass es der Mahnung von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein („Sagen, was ist“) an der Wand kaum noch bedurft hätte. Vier Aufzüge schweben unentwegt lautlos auf und nieder.

Ohne PR-Sicherheitsdienst

Brinkbäumer hat die Treppe gewählt. Er lässt es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich zu empfangen. Allein, ganz ohne den andernorts üblichen PR-Sicherheitsdienst. Kurze, höfliche Begrüßung, dann geht es gemeinsam nach oben, ins erste Geschoss. Es ist seine Art der Ehrerbietung, dass der „Spiegel“- Chef den Termin in den „K4“ verlegt. Der größte der neuen Tagungsräume zählt zum Heiligsten, was das Magazin zu bieten hat. Hier diskutieren, reiben, quälen sich die rund100 Redakteure Montag für Montag durch ihre Heftkonferenz. Seit Wochen allerdings sind sie mal wieder vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ein recht unappetitliches Papier mit dem harmlosen Titel „Innovations-Report“ hatte den Weg aus dem „Spiegel“-Haus in die Presse gefunden. Zwar nur ein Zwischenbericht, und doch Material mit Sprengkraft. Es geißelt Animositäten im Innersten und Arroganz nach außen. Sogar der 2011 bezogene Sitz an der Ericusspitze wird in Frage gestellt. Als wäre das nicht genug, stieß Verlagschef Thomas Hass für 2015 auch noch eine Warnung vor den eigenen Gewinnen aus. Um nicht Teil einer Aufführung zu werden, die andere inszenieren, zieht sich Brinkbäumer bis August aus dem Tagesgeschäft zurück. Er will examinieren, was an Kritik und Vorschlägen aus dem Innovations-Report wirklich dran ist – und was daraus für seine Mannschaft folgt. Bis dahin kümmern sich die „Spiegel“- Vizes Susanne Beyer und Dirk Kurbjuweit im Wechsel um die wöchentliche Ausgabe. Brinkbäumer mag das alles nicht so hochhängen. Der „Spiegel“ habe den Report schließlich selbst in Auftrag gegeben. Dass nun Teile publik wurden – na gut.

 

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Meister der Selbstbeherrschung

Die Arme entspannt auf den Stuhllehnen, die Füße fest auf dem Boden, aufrechte Haltung und offener Blick: Entweder geht Brinkbäumer der „Inno-Leak“ wirklich am Mors vorbei oder er ist ein Meister der Selbstbeherrschung. Dass einer etwas durchstecke, damit müsse man unter Journalisten rechnen, weil Journalisten mit Journalisten redeten und mit Informationen handelten, kommentiert der „Spiegel“-Chef. „Das Risiko sind wir mit dem Innovations-Report eingegangen, und deswegen ist das nicht so desaströs.“ Ihn ärgere die Sache „in Maßen“. Seine Enttäuschung über den internen Vertrauensbruch aber spürt man. Nach gut 15 Monaten im Amt hat Brinkbäumer geglaubt, „dass wir weiter waren und sind“. „Indiskretionen beschädigen das Binnenklima, aber bei uns sind sie selten geworden.“ Die Sache gehe ihm auch deshalb nah, weil er es als Auftrag empfinde, Augsteins Erbe zu bewahren, weiterzuentwickeln, zukunftsfest zu machen, schiebt Brinkbäumer nach. Sein Beschützerinstinkt zeigt sich nicht ganz selbstlos: Wie die meisten im Haus ist auch er über die Mitarbeiter-KG stiller Gesellschafter des Hamburger Verlags – „das ist unser ,Spiegel‘!“ Und für den hat Brinkbäumer hochfliegende Pläne, will Hierarchien einebnen und eine Startup-Kultur etablieren.

Ihm schwebt ein „neues Zusammenspiel zwischen Online, Print und TV vor, wir wollen eine Multimedia-Firma werden“. Das soll, wie die „Agenda 2018“ skizziert, binnen zwei Jahren Kräfte freisetzen – was wörtlich zu nehmen ist. Von 149 Mitarbeitern ist die Rede, darunter ein Viertel Redakteure. Es ist nicht die erste unpopuläre Entscheidung, die Brinkbäumer fällen muss. Angstfrei hat er vom Start weg den ganzen Laden durchgebürstet. Es traf natürlich das Flaggschiff: Heft umgestellt, Ressorts zusammengelegt, die Führungs-Crew umgebaut. So flog Clemens Höges, erst ein Jahr zuvor unter Brinkbäumer-Vorgänger Wolfgang Büchner zum Vize neben Brinkbäumer ernannt, unter Letzterem wieder aus der Chefredaktion. Zudem fand der „Kulturspiegel“ sein Ende, damals ein veritables Politikum. Leiterin des Blattes war Marianne Wellershof, zugleich Geschäftsführerin der Mitarbeiter-KG. „Ich habe das alles gemacht, weil es journalistisch richtig war“, begründet Brinkbäumer lapidar. Er spricht ruhig, wirkt dabei fast sanftmütig.

Immer wieder unterlegt er seine Worte mit einer ausholenden Geste. Doch Brinkbäumers Friedfertigkeit und seine natürliche Freundlichkeit sollte niemand missverstehen: Der Mann kann schnell und unsentimental entscheiden. Jede Form der Gefühlsduselei ist ihm zuwider, womöglich gar fremd. So einfühlsam Brinkbäumer zu schreiben vermag – das hat er in New York als „Spiegel“-Korrespondent lange genug bewiesen –, er besitzt die nötige Härte für den Job an der Spitze. Und das Geschick. Denn Brinkbäumer kann auch teilen, ohne dass ihm ein Zacken aus seiner Krone fällt. Er muss nicht alles machen, vertraut auf die Stärke seines Teams. Das war beim „Spiegel“ nicht immer so: „Wir hatten hier Chefredakteure, die alles unter Kontrolle haben und alles steuern wollten, bis zur letzten Personalie.“ Doch dieses „Alpha-Gehabe“ sei Vergangenheit, schon „weil sich die Zahl der Aufgaben und täglich zu treffenden Entscheidungenv vervielfacht“ habe. Die Kapitänsbinde trägt Brinkbäumer, weil einer das große Ganze im Blick haben muss. Er sieht sich aber vor allem als Führungsspieler, der ein Match liest und auch mal entscheidet.
So war das schon während seiner Zeit als Leistungssportler. Brinkbäumer hatte sein Geld als Twen mit Volleyball verdient, es vom siebenfachen Jugendmeister über die 1. Bundesliga bei 1860 München bis ins Juniorennationalteam geschafft. „Ich war am Netz Außenangreifer und hinten Annahmespieler.“ Bereits damals habe er „dieses Mannschaftsspiel geliebt, wenn alles ineinandergreift“. Bei allem Corps-Geist verhehlt Brinkbäumer nicht, dass er früh seinen Führungsanspruch formulierte: „Wenn es zum Matchball kam, wollte ich den Ball haben.“ Man müsse sich „manchmal die Dinge nehmen, mit Abwarten kommt man nicht immer weiter“.

 

Nicht schnell, nicht wendig genug

Teil von Brinkbäumers Persönlichkeit ist eine gesunde Selbsteinschätzung. Irgendwann habe er „schmerzlich“ erkennen müssen, dass er in seinem Fach das Maximum erreicht hatte: „Ich war nicht schnell, nicht wendig genug. Es reichte für Bundesliga- Niveau, aber nicht für die A-Nationalmannschaft oder für einen Profivertrag in Italien.“ Und diese Erkenntnis bedeutete jedenfalls damals, „dass mit dem Sport für mich kein Geld zu verdienen war“. Brinkbäumer hätte noch härter trainieren können. Vielleicht. Doch dafür fehlte ihm nicht nur die Voraussetzung, sondern auch zunehmend die Zeit. Zunächst hatte der Zwei-Meter-Mann in München Psychologie, in Amerika Philosophie und Politik studiert. Dann ging er zurück nach München – und brach sein Studium ab („es hat mich gelangweilt“), weil ihm Franz-Hellmut Urban, der legendäre Sportchef der dortigen „Abendzeitung“, ein unwiderstehliches Angebot machte: „Junger Mann, Sie können den FC Bayern betreuen. Sie können zur WM fahren. Machen Sie das!“ Das war Ende der 1980er. Der junge Brinkbäumer wurde also „AZ“- Sportreporter. 1993 wechselte er zum „Spiegel“. „Ich habe das Studium vielleicht zu früh abgebrochen, hätte mehr Geduld haben können und wahrscheinlich auch sollen, einen Philosophie-Abschluss hätte ich gern.“ Brinkbäumer sagt das ohne Reue, vielmehr aus Interesse am Thema. Wie funktionieren Staaten, wie sind Gesellschaften organisiert? Was hält sie zusammen, was lässt sie scheitern? Diese Fragen reizen ihn bis heute. Aber was war, war. Und was ist, ist gut so. Brinkbäumer ist kein Mensch, der sich lange mit Vergangenem aufhält. Mund abputzen und weiter, das hat er im Sport gelernt und fortan trainiert. Als passionierter Segler ist Brinkbäumer erfahren im Umgang mit
rauer See. Das dürfte ihm nicht nur beim geleakten Report zugute kommen. Er zeigt demonstrative Gelassenheit, auch wenn die Auflagen- und Abonnentenzahlen des „Spiegel“ unter seiner Regie weiter erodieren. Manchen Chefredakteur quäle das „vielleicht, mich tatsächlich aber nicht; das mag damit zusammenhängen, dass ich im Sport gelernt habe, mit dem Schlusspfiff loszulassen und das nächste Spiel anzusteuern. Es geht ja mit jedem Heft wieder von vorne los“. Er betrachte seine Aufgabe als die „schönste im Journalismus und als ein Geschenk“. Und die Kraft der gesamten Redaktion sei „gigantisch; dieses ganze Haus hat so viel Kraft, so viel Kompetenz, so großartige Leute“. Für seine Natur geradezu euphorisch, schwärmt FC-St. Pauli-Mitglied Brinkbäumer vom enormen Gestaltungsspielraum und den Möglichkeiten, die der „Spiegel“ im Konzert mit „Spiegel Online“ gerade mit Blick auf Bezahlangebote im Internet habe: „Wenn Sie irgendwo in Deutschland eine wirklich schlüssige Digitalstrategie entwickeln können, dann hier!“ Ohne es strategisch anzulegen, habe das Heft schon jetzt wöchentlich rund 50 000 Digitalleser.

 

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Das Beste kommt noch

Will sagen: Das Beste kommt erst noch, und zwar, wenn Online- Inhalte erst mal systematisch vertickt werden – von Einzelabrufen bis zum Monats-Abo. „Wir sind in der Entwicklung und starten demnächst den Testlauf“, avisiert Brinkbäumer, „das geht bald los, noch dieses Jahr.“ Darauf hofft der Henri-Nannen- und nach fünf Nominierungen endlich auch Kisch-Preisträger ebenso beim zweiten Großprojekt unter dem Titel „Spiegel Daily“. Es handelt sich dabei um ein intern nicht unumstrittenes mobiles Angebot für Pendler und andere Nachrichten-Junkies. Es soll in das Pay-Bouquet von „Spiegel Online“ integriert werden und täglich gegen 16 Uhr oder 17 Uhr – also vor den Digitaldepeschen aus Frankfurt und München – als „multimediale Tageszeitung“ abrufbar sein. Und dann ist da noch die von Brinkbäumer initiierte „European Investigative Collaboration“ mit anderen Medien des Kontinents. Auch hier will er beweisen, dass sein Haus „agiler und besser“ ist als die Konkurrenz. Brinkbäumer hat die Konzepte und das Format, um den „Spiegel“ wieder aufzupolieren. Aber hat er auch die nötige Geduld? Regelmäßig will Brinkbäumer mehr, als er in der Praxis schaffen kann. Droht dann an den Umständen zu scheitern – oder am eigenen Anspruch. Und der rastlose Geist in ihm könnte Brinkbäumer dazu treiben, sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Er fühle sich, sagt er zum Ende des Gesprächs, in seiner jetzigen Funktion „bisweilen ein bisschen angekettet; ich wäre manchmal gern mehr unterwegs“. Vorerst beschränkt sich Brinkbäumers Aktionsradius auf die Hafencity. Doch die große „Spiegel“-Welt kann einem auch schnell klein anmuten.

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Text: Bijan Peymani, Fotos: Alexander von Spreti