Als Wolfram Winter vor wenigen Wochen beim Sky-Führungskräftetreffen im Schloss Elmau auftrat, wussten viele Mitarbeiter noch nicht, dass es sein letzter bedeutender Auftritt für den Sender sein würde. Der Ort, an dem sich vor zwei Jahren beim G7-Gipfel die führenden Politiker trafen, bildete für ihn aber einen würdigen Abschluss (Foto oben). Das Abschiedsdatum aber stand zu diesem Zeitpunkt schon fest. Und das tatsächliche Ende kommt nun schneller, als es sich einige ausmalen konnten. Winter hat bereits heute seinen letzten Arbeitstag.

Doch beim genaueren Hinsehen hätte es schon viel früher auffallen können, dass sich etwas verändert hat. Der Mann mit Sendungsbewusstsein trat für Sky in den vergangenen Monaten ziemlich zurückhaltend auf. Egal, wo beispielsweise Senderchef Carsten Schmidt gerade etwas der Presse vorstellte, Winter war nicht (mehr) dabei. Und den von Winter ins Leben gerufenen Mira Award gab es seit vergangenem Jahr schon nicht mehr.

Lediglich bei seiner eigenen Talkrunde in Unterföhring war er regelmäßig sichtbar. Dort gab es auch einen möglichen Hinweis, wo es ihn in letzter Zeit stärker hingezogen hat: in die Politik. Bei „Alpenblicke“ lud er sich nämlich regelmäßig wichtige und bekannte Größen nicht nur aus der CSU ein. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn ja künftig als Medienpolitiker. 

Nach Kai Diekmann verliert (vorerst) das deutsche Mediengeschäft in diesem Jahr eine weitere markante Persönlichkeit. Womöglich hatte Winter auch noch mehr Ambitionen bei Sky. Darauf deutet zumindest eine erstaunliche Bank hin, die direkt vor dem Sky-Headquarter steht.

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Wir haben Winter vor etlichen Jahren porträtiert. Aus aktuellem Anlass stellen wir die Geschichte heute nochmal online.

 

Konsul Winter

TV-Manager, Sport-Maniac Namibia-Botschafter – pfauengleich schreitet Wolfram Winter durch ein perfekt inszeniertes Selbst. Alles soll leicht wirken, hier riecht nichts nach Schweiß. Auch die privaten Einblicke im Clap-Gespräch scheinen kalkuliert.

Es gibt Menschen, an die erinnert man sich immer wieder, weil sie extrem polarisieren. Dann gibt es solche, die vor allem wegen dieser Klassefrauen im Hirn hängen bleiben, mit denen sie sich umgeben. Und wieder andere sind wahre Networking-Monster, sodass es fast unmöglich scheint, ihnen (oder auch nur ihrem Namen) nicht zu begegnen. Auf Wolfram Winter treffen all diese Wahrnehmungen gleichzeitig zu. Der Mann ist schlicht unvermeidlich.

Mit mehr Kalkül

Herr Winter, brauchen Sie die Bühne? „Welche Bühne?“ Dann mal ohne Lyrik gefragt: Wie sehr ist Ihr Leben von Kalkül geprägt? „Genau genommen sehr wenig. Dinge passieren, und hinterher gibt man ihnen einen Namen. Ich wünschte, ich hätte manches mit mehr Kalkül gemacht – wie wäre mein Leben dann verlaufen?“ Investmentbanker oder Heuschrecke, vielleicht. So reichte es für den heute 44-Jährigen immerhin zum TV-Tycoonchen. Als Chef von Premiere Star hat der studierte Politikwissenschaftler und Medienmarketer eine zweifelsohne anspruchsvolle Aufgabe übernommen: Für den Bezahlsender aus Unterföhring bastelt Winter seit einem Jahr an einer Plattform, über die Premiere digitale Pay-TV-Nischen anderer Anbieter vermarktet. Absolut nach seinem Gusto: Echte Pionierarbeit im Range eines General Managers („ganz meine Welt“) – stramm Richtung „corporate hero“.

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Geniale Eigen-PR

Kurz ist man versucht zu ergründen, wie das Winter-Märchen eines damals orientierungslosen Pennälers möglich wurde, der sein Heil mit kaum 16 Jahren in den USA suchte. Und dort die Affinität für Medien, Darstellerei und das Selbstbewusstsein entwickelte, zu Höherem berufen zu sein. „Ich hatte den Wunsch, operative Verantwortung zu übernehmen“, blickt Winter zurück. Endlich dann 1998 klappte es, als Deutschlandchef des Hollywood-Majors Universal. Er habe sich solches zugetraut, verfüge über Ehrgeiz und Ausdauer, sagt der Ingenieurssohn. „Ich wollte beweisen, dass ich das kann.“ In der Tat genießt Winter in der Branche heute einen gewissen Ruf, gilt als hochprofessionell und ergebnisorientiert – genährt durch geradezu geniale Eigen-PR. Zugleich desavouieren ihn Kritiker als fleischgewordenes Medienklischee mit Über-Ego und Zügen von Arroganz. Man tut Winter wohl Unrecht, auch wenn Begegnungen mit ihm einen Hautgout hinterlassen. Sind die Scheinwerfer auf ihn gerichtet, versprüht er Souveränität, ja gar Galanterie, gibt den Menschenfänger. Steht er im Schatten, wirkt der Mann bisweilen verloren – und man wartet förmlich darauf, dass dieser dunkle Moment wie auch immer geartete Manierismen zutage fördert. So umflort den gebürtigen Franken mitunter eine Aura zwischen Berater und Bestatter. Dass Winter als nicht kritikfähig gilt, zuweilen cholerisch sein kann und nie vergisst, wer ihm nutzte und wer ihm einst schadete („Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis“) – alles menschliche Züge. Verhaltensauffällig dagegen sein extremer Bewegungsdrang, der ihn geradewegs in eine Sportlerkarriere zu treiben drohte, „wenn ich mich mental darauf eingelassen hätte. Das aber war nicht Teil meiner Lebensplanung“. Sich für etwas zu quälen ist Winters Sache nicht. Dennoch wirkt er auf wundersame Weise superfit. Spielt ganz gut Tennis, fährt gelegentlich Ski, „allerdings fast nur noch, wenn die Sonne scheint und es nicht minus 20 Grad hat, und dann hänge ich mich auch an die Gewichte, das mache ich eigentlich jeden Tag“. Das Wort „Krafttraining“ vermeidet Winter tunlichst. Klingt zu sehr nach Schweiß, nach Arbeit, Quälerei. Soll ja extraleicht wirken. Nun könnten all jene, die nicht am Herzen erblindet sind, den Mann durchaus gernhaben und manche Bösartigkeit über ihn zwischen Neid und Defätismus verorten. Wenn Winter erzählt, wie er seine Liebste, „Cosmo“-Chefredakteurin Petra Gessulat, bekocht hat, macht er selbst bei Kritikern Punkte. Und was gab’s? „Hirschgulasch mit Spätzle und einer besonderen Soße – für Soßen habe ich ein Faible.“ Tags zuvor hatte er sich eigens einen Probegang serviert.

Womanizer Winter

Nicht überliefert ist, ob Womanizer Winter auch seine einst bessere Hälfte Sabrina Staubitz (heute im Gespann mit „Zeit“- Chef Giovanni di Lorenzo) oder die schöne Natalie (längst mit Nachnamen „von Matt“) derart bezirzte. Man darf wohl davon ausgehen. Dieser Winter kann wirklich ein Charmebolzen sein, und er legt der jeweiligen Herzdame nur zu gern die Welt zu Füssen – etwa in seiner Eigenschaft als Honorarkonsul von Namibia. Eine Ehre, die ihm vor zwei Jahren zuteil wurde, ein Amt, das nie geplant war und das Winter aus purem Idealismus ausfüllt, wie er betont. So recht abnehmen mag man es ihm nicht, wenn er Reaktionen seines Freundeskreises zitiert, der„zugegebenermaßen neidisch“ sei, und explizit darlegt, dass der profane „CC-Aufkleber“ ihn als Mitglied des konsularischen Corps ausweist und seinem Fahrzeug „salopp gesprochen einen anderen Status verleiht“. Und da ist ja auch dieser Ausweis, „der in der einen oder anderen Situation das Leben etwas leichter machen könnte“, ergänzt Winter, ohne diese Situationen zu interpretieren, aber mit dem Nachdruck, das Wort „könnte“ beim Sprechen Buchstabe für Buchstabe zu kauen. Ach ja: Man landet als Corps-Knabe „automatisch auf dem Verteiler diverser Veranstaltungen, die zumindest interessant klingen, es aber nicht immer sind“. Seine Petra beeindruckt so etwas offenbar, fand sie doch beispielsweise den Empfang beim Bundespräsidenten auch ganz schick, wie man hört. Ob Winter Lust an der Macht verspüre? „Da habe ich so meine Debatten. Es gibt Leute, die gern Machtlust unterstellen, sobald man eine Führungsposition innehat. Ich bin kein ausgeprägter Machtmensch, jedoch auch nicht naiv. Aber ich bekenne, dass mir eine gewisse Eitelkeit nicht fremd ist.“

Das Jetzt genießen

Gern gut zu leben auch nicht. In welcher Beziehung steht Geld zu Glück, Herr Winter? „Viele behaupten, Geld mache nicht glücklich. Ich allerdings bin überzeugt, dass Menschen, die Geld haben, insgesamt gesehen eine wesentlich bessere Chance besitzen, glücklich zu sein, als jene, die es nicht haben.“ Sind Sie glücklich? „Ja, zurzeit sogar sehr, und ich habe gelernt, das Jetzt zu genießen – egal, was kommt.“ Vielleicht ist der Mann am Ende doch zu beneiden.

Fotos: Sky,Bulo, Alexander von Spreti

Text: Bijan Peymani