Gestern teilte die Weimer Media Group mitten in der Medien-Corona-Krise mit, dass sie“in Qualitätsjournalismus und Elite-Netzwerke investieren“ will und sowohl an Startups als auch an Traditionsmarken interessiert sei. Als Kandidaten kämen Buch-, Print- oder Online-Projekte infrage. Interessierte sollen sich einfach beim Tegernseer Medienunternehmer melden.Wir haben mit Geschäftsführer Wolfram Weimer über die erstaunliche Aktion gesprochen.

Das ist eine ungewöhnliche Offensive in dieser Zeit: In einer Pressemitteilung gaben Sie gestern bekannt, dass sie nach Medienunternehmen oder Startups suchen, in die sie investieren können. In Hintergrundgesprächen haben Sie das auch schon öfter erwähnt. Warum gehen Sie damit jetzt an die Öffentlichkeit?

Weimer: Unser Verlag hat positives Momentum und ist auf Expansionskurs, und wir haben in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen mit Zukäufen gemacht – ob „Börse am Sonntag“ und „ Anlagetrends“ (2012), Wirtschaftskurier (2013), Pardon (2014) The European (2015), „Signs-Award (2018) oder zuletzt  „Die Gazette“ (2020). Wir haben ein Rekordjahr hinter uns, wollen weiter wachsen und fühlen uns jetzt dafür gut gerüstet. Darum laden wir ganz offen neue Partner und Interessenten ein: Wir investieren und suchen qualitätsjournalistische Objekte, Start-ups oder Traditionsmarken, die starke Partner brauchen.

Hat sich denn auch schon jemand bei der Weimer Media Group deshalb gemeldet? Und können sie zumindest sagen, aus welchen Bereichen die Bewerber kommen?  

Weimer: Das Telefon steht seit Bekanntwerden unserer Kaufabsichten nicht mehr still. Es melden sich etablierte Verlage, die für eine spezielle Traditionssparte neue Macher suchen, aber auch Start-up-Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen. Vor allem aus den Wirtschaftsmedien gibt es interessante Sondierungen – hier sind wir ohnedies  gut unterwegs und also ein kompetenter Partner.

Mit Ansgar Graw haben Sie seit einigen Monaten einen Springer-Mann in ihren Reihen. Weitere bekannte Namen sollen dazukommen. Das erinnert an Media Pioneer, die in letzter Zeit auch personell aufgerüstet haben. Sind Sie der Gabor Steingart vom Tegernsee?

Weimer: Ja, wir haben jüngst eine Reihe großer Journalisten in den Verlags geholt, Reinhard Schlieker vom ZDF, Ansgar Graw von der Welt, Oliver Stock vom Handelsblatt. Wir bauen die journalistische Kompetenz gezielt aus. Mit Media Pioneer eint uns bestimmt die Leidenschaft für guten Journalismus und unabhängige Meinung. Ebenso die Kreativität, auch neue, verlegerische Wege zu gehen. Aber wir sind als mittelständischer Verlag völlig autonom, ohne Fremdkapital unterwegs und ohne Einfluß von den großen Medien-Konzernen. Media Pioneer ist dagegen eng an den Springer-Verlag gebunden. 

Die Corona-Krise hat die Medien derzeit wirtschaftlich gesehen noch voll im Griff und wirkt gelähmt. Wollen Sie ein Krisengewinner sein?

Weimer: Der Qualitätsjournalismus geht insgesamt als ein Gewinner aus der Krise hervor. Das Nachfrage nach seriöser, guter Information und fachkundiger Analyse ist nie so stark wie heute. Darum erreichen viele Qualitätsmedien im Jahr 2020 Rekordreichweiten. Dass gilt auch für den European, die Börse am Sonntag und den Wirtschaftskurier. Die Reichweite des European hat sich im Vergleich zum Vorjahr glattweg verdreifacht, die der Börse am Sonntag ist der Zuwachs sogar noch größer. Am kräftigsten haben wir übrigens weibliche Leser hinzu gewonnen. Lag der Frauenanteil unserer European-Leserschaft im vergangenen Jahr nur bei 34,2 Prozent, so sind in den ersten fünf Monaten 2020 bereits 42,7 Prozent. Ebenso bemerkenswert wie erfreulich ist unser Zuwachs bei jüngeren Lesern. Die 25-34jährigen sind jetzt mit 22,24 Prozent die größte Lesergruppe.

Ihren Mittelstandspreis der Medien in Frankfurt, der Ende Oktober stattfinden soll, haben Sie nicht abgesagt. Warum?

Weimer: Unsere Kongress- und Eventsparte hat, wie alle in der Veranstaltungs-Branche, durch die Coronakrise gelitten. Mit Blick auf den Herbst und Winter sind wir aber zuversichtlich, dass das Veranstaltungsgeschäft wieder anläuft. Das Bedürfnis der Menschen, sich zu treffen und auszutauschen, ist gerade nach der Coronakrise sehr groß. Und mit ordentlichen Hygienekonzepten wird das auch wieder machbar. Die Veranstaltungs- und Messebranche isst mit ihren 130 Milliarden Euro Jahresumsatz ist eine Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft. Sie sollte möglichst rasch wieder geöffnet werden. Es ist nicht nachvollziehbar, warum eng besetze Flugzeuge mit Hunderten Passagieren umherfliegen, aber ein Kongress mit großen Abstandsflächen nicht erlaubt sein darf.

Interview: dh

Foto: Weimer Media Group