Es hätte das Geschäft seines Lebens werden können. Doch Lutz Backes – als Karikaturist unter „Bubec“ bekannt – konnte in den Sechzigerjahren noch nicht ansatzweise ahnen, dass aus Puma eine Weltmarke werden würde. Und so kreierte er das Logo des Konzerns praktisch für einen Hungerlohn. Seine unglaubliche Geschichte rekapitulierte der Mannheimer Schnellzeichner noch mal für Clap.

Bubec-Bild

Es war im Dezember 1967. „Lutz, kannst du uns mal besuchen? Wir haben da ein Problem.“ Es war Gerd Dassler, mein alter Klassenkamerad in Nürnbergs Scharrergymnasium. „Wir sehen ständig deine Karikaturen im ,Kicker‘. Ich habe meinem Vater und meinem Bruder gesagt, dass ich dich kenne.“ Ich fuhr nach Herzogenaurach. Ich dachte dabei daran, wie ich bei Gerd die Hausaufgaben abgeschrieben habe und wie er mich manchmal in seinem VW Käfer mitgenommen hat. In der Villa des Puma-Chefs Rudolf Dassler angekommen, legten mir sein Vater und Gerds älterer Bruder Armin, der inzwischen für den aus Altersgründen zurückgetretenen Firmengründer Geschaäftsführer war, eine Reihe Zeichnungen auf den Tisch, die sie haben entwerfen lassen.

„Wir wollen ein Firmensignet, einen springenden Puma als Silhouette. Den möchten wir auf 5000 Sporttaschen drucken. Wir haben ein paar Werbegrafi ker beauftragt, aber was sie abgeliefert haben, ist alles nicht das, was wir uns vorstellen. Wir wollen einen eleganten, springenden Puma. Er soll aber nicht aussehen wie die Raubkatze von dieser Autofi rma.“ Sie deuteten auf die Vorlagen. „Der Puma hier springt nicht, der da ist zu eckig, der zu dick.“ Ich schaute mir das alles an. Darauf sprach der alte „Puma“: „Jetzt probier du es mal.“ Den Spitznamen „Puma“ hatte der Prinzipal schon als Schüler. Er kam von Ruda, also Rudolf Dassler. Aber da Ruda nicht gut ankam, verfi el man auf Puma. Bei Puma kam man gleich auf Assoziationen wie „sprungstark“, „schnell“ und „kräftig“, Eigenschaften, die die amerikanische Raubkatze auszeichnet. So war dann auch der Name für die Sportartikelfi rma gefunden.

Unelegantes Tier mit dickem Hintern

Die Sportschuhfabrik seines Bruders Adolf „Adi“ Dassler, die er im Streit verlassen hatte, taufte dieser „Adidas.“ Ich war voller Hoffnung. „Gut“, sagte ich. „Ich gehe morgen in den Nürnberger Tierpark, da gibt es einen Puma.“ Am Tag darauf saß ich mit Skizzenblock vor dem Käfi g mit den Raubkatzen, vor mir das schöne, kräftige, doch unelegante Tier mit dickem Hintern. In der Abteilung daneben der schwarze, geschmeidige und elegante Panther. Wieder zu Hause, rief ich an. „Das mit eurem Puma als elegantes Signet (die Bezeichnung ‚Logo‘ war damals unbekannt) wird nix, der hat keine Figur dazu. Aber im Käfig daneben ist ein schwarzer Panther, das wäre doch was für euch!“ Da raunzte der Alte: „Das weiß ich auch. Aber ich heiß ‚Puma‘ und nicht Panther.“

Den Auftrag wollte ich auf keinen Fall verlieren. „Gut, ich probiere was.“ Ich setzte mich an mein Zeichenbrett und skizzierte einen schwarzen Panther. Dann setzte ich dem Panther einen Puma-Kopf auf und übermalte die Tatzen mit Puma-Tatzen. Darauf setzte ich den Zirkel am Nabel an und, wie ich es bei Leonardo da Vincis Proportionsstudie „Der vitruvianische Mensch“ gesehen hatte, schlug ich einen Kreis um ihn. Dann den Schwanz des Pumas extra, und ich schnitt ihn aus. Die Schwanz-Zeichnung schob ich innerhalb des Kreises hin und her, bis es mir passend schien, und fügte ihn dann so ein, wie ich es beim Sprung der Katze auf den Baumstamm im Käfig beobachtet hatte, und zeichnete das Tier ins Reine. Am nächsten Tag fuhr ich wieder zur Familie und legte eine Zeichnung nach der anderen auf den Tisch. Zuerst diejenigen, von denen ich wusste, dass die die nicht nehmen. Als Letztes dann die Tuschzeichnung, an die ich meine Hoffnungen knüpfte. Da riefen alle drei wie aus einem Munde: „Genau so haben wir ihn uns vorgestellt.“

Puma-Entwürfe

So, wie es damals vorlag, so ist das Logo heute noch, mit später gemachten kleinen Änderungen, die ich selbst vornahm. Dann kam eine Frage, auf der ich, damals noch Hobbykarikaturist und unbeleckt von Honoraren, nicht gewachsen war. „Was willst du dafür haben? Also, wir denken an einen Pfennig für jeden, den wir drucken.“ Ich rechnete nach. „Das wären 50 Mark. A weng Weng, wie der Nürnberger sagt.“ Gerd nahm mich auf die Seite: „Nimm den Pfennig, das Ding ist dir so gut gelungen, das verwenden wir vielleicht mal weiter.“ Doch mir war der Spatz in der Hand lieber als das Vielleicht auf dem Dach. Ich konnte den Zaster sehr nötig brauchen. „Gut“, antwortete Armin. „Dann geben wir dir 500.“ Fünfhundert! Für einen frisch verheirateten aufstrebenden Künstler ein Haufen Geld. Davon konnte man damals zwei Monate bescheiden leben! „Danke, ja. Nur: So eine Tasche hätte ich gern, damit ich angeben kann und sagen: Der Puma ist von mir.“ Man nickte. „Gut. Und eine Tasche und ein Paar Sportschuhe rein, und da“ – Armin langte in die Tasche – „hast du noch einen Hunderter drauf.“ Das war’s. Es vergingen nach der Taschenproduktion zwei Jahre, ohne dass das Logo wieder verwendet wurde.

Tausend D-Mark!

Dann tauchte es wieder auf. Erst auf einem Sticker, dann auf den Fußballschuhen und so weiter. Von dem einen Pfennig pro Stück war keine Rede mehr. Wir hatten auch keinen Vertrag gemacht und den Begriff Urheberrechtsverletzung“ kannte man eigentlich auch kaum. Da ließen mich die Dasslers wieder kommen. „Dein Puma wird beim Drucken immer dünner. Kannst du ihn etwas dicker zeichnen? Wenn ja, geben wir dir 1000 Mark.“ Das waren schon viel mehr. „Und dann pinsel die weißen Stellen zu, die verschwinden auf den Schuhen.“„Das musst du machen, denn du hast das Urheberrecht.“ Tausend D-Mark! Ich war einverstanden. Da schaltete sich der alte Puma ein: „ Warum hast du mir den Schwanz so lang gemacht? Ich muss dauernd den vielen Anzeigenplatz bezahlen. Kannst du mir den Schwanz nicht kleiner machen?“ Ich konterte: „Ich wollte zeigen, wie potent ihr seid.“ Alle lachten. Der Schwanz behielt seine Länge.

Achtzehn Jahre später wurde Puma Aktiengesellschaft. Dann honorierte man mich sehr gut, meldete, um selbst Steuer zu sparen, es sofort ans Finanzamt. Ich musste in einem Jahr die Steuern für 18 Jahre nachzahlen, in welchem ich die einzelnen, weit geringeren und unter die Höchstgrenze fallenden Summen hätte gut brauchen und nicht so hoch hätte versteuern müssen: 52%  Einkommensteuer, darauf die 8% Kirchensteuer, zusammen 56,6% und dann noch die 7% Mehrwertsteuer. Da waren fast zwei Drittel wieder weg. Im Bayerischen Fernsehen haben sie mir vor drei Jahren ausgerechnet: „Wenn Sie den Pfennig genommen hätten, hätten Sie heute 22 Millionen Euro.“

Hätte ich so viel Geld bekommen, wäre ich nichts mehr geworden. So aber war ich gezwungen, als Karikaturist Karriere zu machen, um halbwegs anständig leben zu können. Diese führte mich um die ganze Welt. Es hatte also sein Gutes. Das Traurige ist nur: Ich habe in 67 Jahren als Humorzeichner über 200 000 Karikaturen gezeichnet, einige hochgelobt. Heute muss ich feststellen, es war nur eine einzige Zeichnung, denn wo ich auch hinkomme, immer heißt es: „Das ist der Zeichner des Puma-Logos.“ Wenn man es überhaupt weiß. Es geht mir ähnlich wie dem Schriftsteller Vladimir Nabokov. Kennen Sie ihn? Nein? Keine Schande. Aber Sie kennen den Buchtitel eines seiner Bücher, der in den allgemeinen Gebrauch überging, bezeichnet seit seinem Erscheinen eine ganz spezielle Art von weiblichem Wesen. Nabokov sagte dazu: „Meine ‚Lolita‘ ist weltberühmt, ich nicht.“ Im gleichen Sinne kann ich sagen: „Mein Puma ist weltberühmt, ich nicht.“ Ich bin der Nabokov unter den Zeichnern.

Text, Illus & Foto: Lutz „Bubec“ Backes