Die Kölnmesse will die Dmexco 2018 ohne ihre beiden Vorzeigegesichter und Mitgründer Frank Schneider und Christian Muche machen. Trotz einiger Kritiken im Vorfeld kam diese gestern verbreitete Entscheidung dennoch einigermaßen überraschend. Denn: Noch in den letzten Oktober-Tagen war Christian Muche in Shanghai voll für Messebelange im Einsatz. Zuletzt machte er beim China International Advertising Festival auf den Kölner-Treff aufmerksam. „Strong interest into @dmexco after speech“ twitterte er noch am 22. Oktober. Das klingt erstaunlich optimistisch. Oder hat er seinen Job eben professionell bis zum Ende durchgezogen? Wie auch immer, diese Entscheidung ist weitreichend für die Zukunft der Messe. (dh)

Wir haben Christian Muche im letzten Jahr porträtiert. Lesen Sie hier die Geschichte von Bijan Peymani.

Kia Ora!

 

Er galt als einer der Internet-Pioniere in Deutschland, war ein Hotshot bei Web.de, AOL und Yahoo. Dann schmiss Christian Muche hin und nahm samt Familie Reißaus nach Neuseeland. Dort fand der heute 50-Jährige sein Glück. Mit Clap spricht der „Dmexco“-Co-Gründer übers Auswandern, die Zukunft und erklärt, warum er manchmal doch eine ziemlich arme Socke ist.

 

Was wäre, wenn…? Jeder von uns hat sich die Frage schon einmal gestellt. Mindestens. Was wäre, wenn ich einmal so richtig beim Lotto abräumen würde? Was wäre, wenn ich ein Leben führen könnte, von Kerstin, Kindern und Köter befreit? Oder wenn ich den Mut gehabt hätte, hier alles hinter mir zu lassen, als das Schicksal mir die Chance bot? Goodbye, Deutschland! Für die meisten bleibt das ein Gedankenspiel. Christian Muche aber hat Ernst gemacht. 2006 entschied er, mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn zu gehen. Für immer? Wer weiß.

Gesprächstermin via Skype. In Neuseeland ist es Freitagabend, zehn Stunden voraus. Dort ist Winter, was man nicht wirklich merkt. Hier ist es Hochsommer, was man auch nicht wirklich merkt. Christian Muche wirkt zufrieden, aufgeräumt, etwas erschöpft, vielleicht. Was Wunder, es läuft die heiße Phase zur diesjährigen „dmexco“ Mitte September in Köln. Muche hatte das inzwischen weltgrößte Digital-Marketing-Event 2009 mit Partner Frank Schneider zum Leben erweckt. Da war er längst in seiner neuen Heimat am anderen Ende der Welt angekommen. Jetzt sitzt Muche in seinem Home Office, im Haus der Familie in Nelson, mehr als 18.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Die Mittelstadt liegt im Norden der Südinsel Neuseelands, malerisch eingebettet von der Weinregion Marlborough Sounds, mit Blick auf die Tasmanische Bucht. Kann man es besser treffen? Aber warum haben die Muches gerade dort ihr Nest gebaut? 1999 habe er mit seiner Frau eine dreiwöchige Australien-Neuseeland-Reise unternommen, erzählt der 50-Jährige. Viel zu kurz, um der Region gerecht zu werden.

 

Tiefe Zuneigung zu den Kiwis

„Wir waren sofort sicher, nach Neuseeland müssen wir noch einmal.“ Es folgten zwei weitere Reisen, die aus Neugier auf die Kiwis erst tiefe Zuneigung, dann schier unbändiges Verlangen werden ließen. Auf dem Rückflug nach München deklinierten die Muches das „Was-wäre-wenn“-Modell durch. Und nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes 2004 war für das Paar dann klar: Wir werden es wagen! Bis zum endgültigen Abschied aus der Heimat sollte es jedoch noch etwas dauern. Zu viel war vorzubereiten, zu ernsthaft für Muche das Ansinnen.

Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Ritt auf der Internet-Welle professionell und mehr noch privat zunehmend dem auf einer Rasierklinge glich. Gott ja, all die Jobs waren einfach großartig! Und Himmel noch mal, er hat Hölle gut verdient. „Dabei hatte ich in meiner Jugend lange überhaupt keinen Plan, was ich beruflich machen wollte“, erinnert sich der gelernte Steuerfachgehilfe. Steuerberater wurde er jedenfalls nicht. Glückliche Fügung trieb Muche ins Mediengeschäft. Irgendwann lernte er die Greve-Brüder kennen, ihres Zeichens Gründer des Portals Web.de.

„Wir haben dann 1996/1997 als eine der ersten Anbieter in Deutschland versucht, Online-Banner zu verkaufen“, sagt Muche stolz. Aus User-Sicht keine Heldentat; die Reklame-Blinker zählen zu den nervigsten Erfindungen neben Klingeltönen mit beklopptem Frosch, hochgepitchten Hasenstimmen oder pubertären Soundeffekten in Hörsturzlautstärke. Und doch eine Pionierleistung, die Muche bald darauf in den damaligen Internet-Olymp aufsteigen ließ. Er verkaufte seine eigene Company an Web.de und heuerte 1999 beim Giganten AOL an.

Immerhin drei Jahre hielt es der gebürtige Düsseldorfer am Deutschland-Standort in Hamburg aus, bevor er Ende 2001 weiterzog. „Der Wechsel zu AOL war für mich nicht nur der Schritt raus aus der Selbständigkeit, rein in die Konzernwelt. Es war auch ein prägender Kontakt mit der amerikanischen Unternehmenskultur“, erinnert sich Muche. Kurze Pause, dann schiebt er nach: „Das war eine harte Nummer, damals. Ich war 24/7 unterwegs, nur mit dem Job befasst – das war hart an der Grenze.“ Da habe er zum ersten Mal gemerkt: Nicht gut. Gar nicht gut!

 

 

Irgendwann streikt die Seele

Der Körper hält viel aus, doch irgendwann streikt die Seele. Und durch das Mörder-Pensum drohte sich Muche nicht nur von sich selbst, sondern auch von seiner Frau zu entfremden. Die war ebenso ein- wie abgespannt, als Rollkoffer-Junkie in einer Consulting-Firma. „Es gab da wirklich Zeiten, wo wir uns nach zwei Wochen nur kurz am Flughafen trafen und dann wieder auseinander gingen“, erinnert sich Muche. Die meisten Ehen überlebt Derartiges auf Dauer nicht, „wir wollten es beide aber nicht dazu kommen lassen“. Also wechselte Muche den Job.

Bei Yahoo in München bot sich für ihn die Option, vieles anders und irgendwie alles besser zu machen. Die Muches zogen nach München. Anfangs schien die Rechnung aufzugehen: Yahoo war nach einer Schwächephase gerade wieder im Aufwind, und die Partnerschaft mit der Fifa zur WM-Endrunde 2006 in Deutschland gab dem fußballbegeisterten Muche – gelegentlich kickt der Wahl-Kiwi noch in einer Altherrenmannschaft – zusätzlichen Schub. Doch auch bei Yahoo war nicht alles Gold, was glänzte – am Ende für Muche nicht mal mehr Messing. „Nach Nach insgesamt neun Jahren bei AOL und Yahoo hatte ich aus vielen Gründen das Gefühl, dass ich raus muss, aus dieser Tretmühle, auch räumlich.“ Ein Ausstieg auf Zeit kam für ihn nicht in Frage. „Dann werden Sie nach einer Weile ständig damit konfrontiert, was denn jetzt sei, wie es denn nun weiter gehe. Das wollte ich nicht.“ Sondern einen echten Cut, „nur so bekommen Sie die geistige Freiheit, mit Dingen abzuschließen.“ Sagen wir es, wie es war: Muche war einfach leer. Ist der Leidensdruck groß genug, geht jeder von uns bis zum Äußersten – und voll ins Risiko.

Obwohl, als riskant bewertete Muche seine Entscheidung – auch für ihn selbst überraschend – nie: „Wir waren da in gewisser Weise unbekümmert. Was sollte schon passieren? Wir haben uns damals eingeredet, es sei lediglich die Entfernung, die den Unterschied ausmache. Und wenn’s doch schiefgeht, packt man den Container voll und kommt wieder zurück – nur dass der dann eben länger unterwegs ist als von Schweden oder der Schweiz.“ Eltern und Freunde unterstützten das Vorhaben einhellig, andere äußerten still laute Skepsis.

Mit dem Erhalt einer Daueraufenthaltserlaubnis, der „Permanent Residence“, war Ende 2006 endlich der Weg frei, in ein neues Leben. Ein Leben, geprägt von Vorstellung, dass sich der Alltag um die Familie dreht – nicht umgekehrt. „Es klingt vielleicht plattitüdenhaft, aber wir wollten einfach mehr Zeit füreinander haben“, sagt Muche. Wann immer möglich, nimmt er die Familie mitsamt seinem Sohn – „ein waschechter Münchner und Dreiviertel Kiwi“ – mit auf eine seiner ungezählten Dienstreisen nach Europa, Asien oder in die USA.

Schöne Sache. Warum auch nicht. Als Meilen-Krösus sollte Muche schließlich stets ein paar Freiflüge in petto haben. Der kann dazu nur mitleidig lächeln. „Um alle Missverständnisse auszuräumen: Ich habe weder den ,Gold-Elite’-Status, noch bin ich ,HON’. Das ist heute auch nichts mehr, was mich antreibt“, bekennt Muche. Ein dickes Meilenkonto zu haben, sei „kein Ergebnis harter Arbeit, sondern lediglich ein Indiz dafür, dass man eigentlich eine ziemlich arme Socke ist, weil man allein in Fliegern, Lounges und Hotels rumhängt“.

 

Bezug zur alten Heimat immer noch da

Wie definiert jemand, der permanent zwischen den Welten wandert, über vier Jahrzehnte in Deutschland sozialisiert wurde und nunmehr inzwischen fast zehn Jahre in Neuseeland lebt, eigentlich seinen Heimatbegriff? Kennt er dieses Gefühl überhaupt? „Spontan würde ich sagen: nein. Meine Frau und ich fühlen uns aber nicht heimatlos.“ Schließlich sei der Bezug zur alten Heimat immer noch eng. „Wir hatten ja auch nie geplant, diesem Land ein für alle Mal den Rücken zu kehren; wir wollten vielmehr eine Veränderung in unserem Sinne.“

Neuseeland sei „unser Lebensmittelpunkt, wir fühlen uns hier wohl und auch ein gutes Stück heimisch“, reicht Muche eine charmante Antwort nach. Und bekennt, es sei natürlich „nicht dasselbe Heimatgefühl, wie wenn Sie irgendwo aufgewachsen sind – das kann es auch nicht sein“. Ihr Sohn, inzwischen zwölf, werde diese Frage in ein paar Jahren für sich sicher anders beantworten: „Für ihn ist natürlich Neuseeland zunächst einmal die Heimat.“ Dennoch sei es dem Filius sehr wichtig, dass zu Hause Deutsch gesprochen werde, „für ihn absolut normal“.

Neuer Versuch: Wenn schon der Heimatbegriff für Muche dehnbar ist, kann er dann bei sich wenigstens eine Art Kulturschock verorten, wenn er nach Europa kommt? „Ja klar“, sagt er schnell, „wenn Sie bei der Lufthansa an Bord gehen, tragen plötzlich alle eine Uniform, alles ist steif und superwichtig.“ In Neuseeland gehe es lässiger und entspannter zu, „und bei Air Newzealand werden Sie auf dem Rückflug mit ,welcome back home’ begrüßt, selbst wenn Sie in L.A. oder Hongkong einsteigen; aber ich wandele sicher zwischen den Kulturen“.

Und in einer anderen Zeitzone, die gerade Selbständige dazu verleiten kann, rund um die Uhr verfügbar zu sein. „Meine Familie versucht, mich da immer wieder einzubremsen.“ Er könne gleichwohl nichts auf die lange Bank schieben, sagt Muche, und wenn sein E-Mails-Postfach volllaufe, müsse er es zeitnah leeren. „Es ist, wie es ist.“ Derzeit ist es besonders heftig, mit Blick auf die anstehende „dmexco“. Da flutet spätabends und nachts die elektronische Post aus Deutschland Muches Account. Am nächsten Morgen arbeitet er sie stundenlang ab.

 

Ping, pong, ping, ping, ping, pong

Und so geht das fröhlich fort: Ping, pong, ping, ping, ping, pong. Daher ist Muche eigentlich ganz froh, wenn er wieder mal fliegen muss. Erst über den Wolken findet er richtig die Muse, sich vor allem mit grundlegenden Dingen zu befassen, die im Alltag liegen bleiben müssen. Kann, soll das immer so weitergehen? Diese Reisestrapazen („habe damit mehr zu kämpfen als früher“), der hohe Organisationsgrad in einer gnadenlos schnelllebigen Zeit, die arme Socke, die längst ein Kniestrumpf ist? Noch verspürt Muche den Willen und die Energie.

„Aber ich merke schon, dass die Mechanismen der Selbstüberwindung zumindest privat nicht mehr automatisch greifen. Man wird bequemer, das ist ein schleichender Prozess.“ Beruflich habe er dieses Gefühl bisher jedoch „in keinster Weise“, betont Muche. Mit Neugier und viel Enthusiasmus betrachte er die Entwicklungen in seiner Branche. „Irgendwann werde auch ich einmal mit dem Projekt ,dmexco’ abgeschlossen haben, aber dieses irgendwann haben Frank und ich nicht definiert.“ Das Ende der Fahnenstange sei hier „noch längst nicht erreicht“.

Sein Partner und er tüftelten parallel bereits an neuen Ideen im Eventbereich, „da hätten wir durchaus noch Interesse, auch wieder etwas Neues auf den Weg zu bringen – was nicht heißt, dass das Bestehende deswegen beendet werden muss“. Bis 65 wolle er aber nicht in diesem Rhythmus arbeiten, betont Muche. Vielmehr sei es sein Ziel, seine jetzigen Freiheiten Zug um Zug auszubauen, „in all meinen Planungen spielt auch meine Familie eine sehr große Rolle“. Vorerst bleibt der Mann ein Getriebener seines Erfolges, mit der „dmexco“ als Kern.

„Was wäre, wenn…?“ Diese Frage hat Christian Muche vor vielen Jahren für sich beantwortet – und sein Glück gefunden. Er, der an einem Freitag, dem 13. geboren ist, „bei Gewitter, wie meine Mutter immer betont“. Es wird die Zeit kommen, in nicht allzu ferner Zukunft, da wird er sich einmal mehr mit einer zentralen Lebensfrage auseinandersetzen müssen: Was war, was bleibt? Und was macht künftig wirklich Sinn? Um mutige Entscheidungen war Muche bisher jedenfalls nie verlegen. Vielleicht heißt es dann nur noch „whānau“ – Familie.

Foto: Oliver Weber Photography